Einundzwanzigster Vortrag
Es ist schwierig, für diese Dinge Worte zu finden, weil unsere Sprache ja für den äußeren physischen Plan geprägt ist und wir uns erst anstrengen müssen, die Sprache anzuwenden auf diese übersinnlichen Verhältnisse. Ich möchte sagen, alles dasjenige, was wir sonst zu unserem Verständnis bringen, das lebt gewissermaßen grob in unserer Seele, lebt dicht in unserer Seele, weil wir immer zur Verfügung haben das Instrument des Gehirnes, das eingearbeitet ist auf die Ideen und Begriffe, die sich auf den physischen Plan beziehen. Indem wir uns aber erklären dasjenige, was sich nicht auf den physischen Plan bezieht, müssen wir unsere Seele so anstrengen, daß eigentlich das Gehirn bei dieser Anstrengung, bei diesem Studium der Geisteswissenschaft recht wenig und immer weniger beteiligt ist. Wenn wir Schwierigkeiten finden im Verständnisse desjenigen, was die Geisteswissenschaft gibt, so rührt das ja nur davon her, daß uns eigentlich unser Gehirn geniert dabei. Das Gehirn ist gewissermaßen eingefuchst, eingearbeitet auf die groben Begriffe des physischen Planes, und wir müssen uns anstrengen, die feineren Begriffe — nur für unser menschliches Verständnis feineren Begriffe — der übersinnlichen Welt uns anzueignen. Diese Anstrengung ist uns aber durchaus gesund, diese Anstrengung ist durchaus gut, denn dadurch leben wir seelisch mit dieser Geisteswissenschaft auf eine ganz andere Art, als wir mit dem physischen Wissen und Erkennen und Vorstellen leben. Wir versetzen uns gewissermaßen in eine Welt beweglicherer, feinerer Vorstellungen und Ideen, und das ist bedeutsam. Nun, es gibt für Sie alle eine Möglichkeit, gewissermaßen darauf zu kommen, wann Sie genügend in der Sphäre darinnen sind, wo der Ätherleib gewissermaßen für sich lebt, nur leise das Gehirn mitschwingen lassend: Das ist dann, wenn Sie das Gefühl bekommen, daß Sie das, was die Geisteswissenschaft gibt, nicht aus einer Willkür heraus denken wie die alltäglichen Begriffe. Von den alltäglichen Begriffen, die sich auf den physischen Plan beziehen, wissen Sie ganz gut, daß Sie sie sich selbst machen; Sie entwickeln sie nach den täglichen Lebensbedürfnissen und Lebensverhältnissen, Sie machen sie nach den Sympathien und Antipathien, nach dem, was Ihnen von draußen vorgebildet wird für die Sinne, für den an das Gehirn gebundenen Verstand. Bei der Geisteswissenschaft werden Sie nach und nach, wenn Sie so recht eingehen auf die Sache, das Gefühl bekommen: Dies habe ich eigentlich alles nicht bloß selbst gedacht, sondern das ist schon gedacht, bevor ich es denke, das schwebt eigentlich als Gedanke da und geht nur in mich hinein. Wenn Sie dieses Gefühl bekommen, das schwebt eigentlich im objektiven Denken der Welt und geht nur in mich hinein, dann haben Sie viel gewonnen, dann haben Sie ein Verhältnis erlebt zu jener feinen ätherischen Schwebe- und Webewelt, in der Ihre Seele lebt. Und dann ist es im Grunde genommen nur eine Frage der Zeit, wenn auch vielleicht einer längeren Zeit, in die Sphäre allmählich hereinzukommen, die wir gemeinschaftlich haben mit denjenigen Toten, die in irgendeiner karmischen Verbindung mit uns stehen.
Cite:
GA 173c/1917-01-20/p009 · edition original