Einundzwanzigster Vortrag
Gewiß, gar mancher wird sagen: Ich bestrebe mich ja im Aufgehen in den geisteswissenschaftlichen Vorstellungen, allein von einem Hereinwirken der Toten habe ich noch nichts wahrgenommen. — Ja, meine lieben Freunde, zu diesen Dingen gehört einige Geduld. Sie müssen wirklich bedenken, wie sehr seit Jahrhunderten das Leben der Menschen auf dem physischen Plane eben nach dem Materialismus hingestrebt hat, das heißt, entgegengestrebt hat alledem, was ein Hereinwirken der Toten möglich macht in gerechter Weise. Unter all dem, was geschehen ist, was wirklich seit Jahrhunderten her schon geschieht, haben sich gewisse Gefühle, gewisse Empfindungen entwickelt, die die Menschen heute ganz unbewußt haben gegenüber der geistigen Welt. Und gegen diese Gefühle und Empfindungen bleibt dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft heute kommt, vielfach noch eine abstrakte Theorie. Man ist überzeugt, daß dasjenige wahr ist, was die Geisteswissenschaft über die übersinnlichen Welten sagt. Gewiß, aber es ist noch nicht so übergegangen in das ganze seelische Leben, daß man jene Empfindungen und Gefühle zu entwickeln vermag, welche nicht störend sind für jenes feine, intime Hereinspielen desjenigen, was von dem Toten ausgeht. Diese Dinge im rechten Lichte zu sehen, ist nicht leicht. Der heutige Mensch ist eben ein Kind oder ein Enkel oder ein Urenkel oder ein Ururenkel derjenigen Menschen, die im Verlaufe der letzten Jahrhunderte gelebt haben und die unter dem Einflusse des heraufkommenden Materialismus ihren Empfindungen, ihren Gefühlen gewisse Richtungen gegeben haben. Diese Richtungen der Gefühle und Empfindungen drücken sich in jeder Einzelheit aus. Wir können den besten Willen haben, einem Toten in der rechten Weise zu begegnen, uns an einen Toten in der rechten Weise zu erinnern, aber unsere ganze Gefühls- und Empfindungsdisposition, wie sie, ich möchte sagen, durch unser Blut, das herunterrinnt aus unseren Ahnen her, tätig ist, das ist nicht geeignet, die feinen, intimen Manifestationen und Offenbarungen, die von den Toten ausgehen, wirklich so vor die Seele hinzustellen, daß nicht unsere Empfindungen gewissermaßen Flackerlichter sind, aufgeregte Flackerlichter, welche sich hinstellen vor diese intimen Impulse, die ja heute wirklich noch sehr fein und intim sind.
Cite:
GA 173c/1917-01-20/p015 · edition original