Zweiundzwanzigster Vortrag

GA 173c/1917-01-21/p031 ·1917-01-21 · original (original)
Record: stenogram (shorthand transcript). Shorthand transcript taken during the lecture — the strongest kind of lecture record in this corpus. Evidence: «Diese dreibändige Ausgabe wurde auf der Grundlage der stenografischen Nachschriften vollständig neu bearbeitet.» (This three-volume edition was completely re-edited on the basis of the shorthand transcripts.). The publisher's description of GA 173a-c, as mirrored on AnthroWiki (GA 173a-c). The translation is the maintainer's, not a published one.

Sehen Sie, in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum entbehren gewissermaßen die Toten durch die materialistische Erdenkultur sehr viel. Manches wird Ihnen schon aus dem gestern Gesagten klar sein. Lernt man das Leben der Toten in der Gegenwart mit den entsprechenden Mitteln kennen, dann ergibt sich, daß sie sehr starke Triebe haben, einzugreifen in die Dinge, welche die Menschen hier auf Erden tun. Aber in früheren Zeiten, in denen weniger Materialismus auf der Erde gelebt hat als jetzt, konnten die Toten leichter eingreifen in das, was auf der Erde geschah. Sie konnten leichter durch die Erdenmenschen, durch das, was die Erdenmenschen als Nachwirkungen der Toten fühlten und empfanden, hereinwirken in die Erdensphäre. Heute ist es sehr, sehr häufig zu erleben, und ich habe gesehen, daß es immer wieder überraschend gewirkt hat im konkreten Falle, daß Menschen, welche hier intensiv an gewissen Zeitereignissen beteiligt waren und gestorben sind und dann weiterleben nach dem Tode, kein Interesse haben können für die Zeitereignisse, die sich hier abspielen nach ihrem Tode, weil die Verbindung fehlt. Auch unter uns sind solche Seelen, die, während sie hier waren auf dem physischen Plane, großes Interesse hatten für die Zeitereignisse, drüben in der geistigen Welt aber den Zeitereignissen, die sich jetzt nach ihrem Tode abspielen, fremd gegenüberstehen. Das ist gerade oftmals bei vorzüglichen Seelen, die hier rege Interessen und große Begabungen hatten, der Fall. Das ist aber schon lange so. Es ist so, nur immer mehr zunehmend, für die ganze Zeit des fünften nachatlantischen Zeitraums, es ist so seit dem 15., 16. Jahrhundert schon, nur zunehmend. Man kann da die Erfahrung machen, daß die Toten, da sie weniger eingreifen können in dasjenige, was die Menschen tun, sich mehr beschäftigen — es tut einem so leid, daß man so triviale Begriffe gebrauchen muß, aber man muß eben die Begriffe gebrauchen, die man in der Sprache hat -, also daß die Toten mehr eingreifen müssen in dasjenige, was die Menschen als einzelne Persönlichkeiten sind. Und das sieht man, daß das Interesse der Toten und die Arbeit der Toten seit dem 15., 16. Jahrhundert mehr auf die einzelnen Persönlichkeiten geht als auf die großen Zusammenhänge unter den Menschen. Und nachdem ich viel mich gerade in dieser Richtung befaßt habe mit diesem Problem, konnte ich mir die Überzeugung verschaffen, daß damit, mit dem, was ich jetzt gesagt habe, eine ganz bestimmte Zeiterscheinung zusammenhängt, die dem, der sich für solche Dinge interessiert, besonders stark auffallen muß in unserer neueren Geschichte. Wir haben in der neueren Geschichte im Gegensatz zu früheren Zeiten die merkwürdige Erscheinung, daß Menschen geboren werden mit sehr bedeutenden Anlagen, die so im allgemeinen wirken mit großem Idealismus, mit vorzüglichem Streben, daß aber diese Menschen es nicht dazu bringen können, Überschau über das Leben zu gewinnen, große Horizonte zu gewinnen. Das drückt sich im Grunde genommen im ganzen Schrifttum seit langer Zeit schon aus. In einzelnen Ideen, Begriffen, Vorstellungen, Empfindungen, die die Leute zum Ausdruck bringen, sei es in der Literatur, in der Kunst, sogar in der Wissenschaft, finden sich manchmal starke Ansätze. Aber — und deshalb ist es ja gerade für die Leute so schwer, sich zu der Überschau, die man haben muß in der Geisteswissenschaft, aufzuschwingen — zu einer großen Überschau bringen es die Leute nicht. Das kommt zum großen Teil davon her, daß die Toten mehr an den einzelnen Menschen herankommen und bei ihm das ausarbeiten, was mehr in der Kindheitsperiode, in der Jugendperiode des Daseins veranlagt wird, während dasjenige, was dem Menschen Überschau verschafft in den Reifezeiten des Daseins, in unserer materialistischen Zeit mehr oder weniger getrennt ist von der Tätigkeit der Toten. Unvollendete, Torso bleibende Talente, nicht bloß in der großen Welt, sondern auch im einzelnen, sind heute aus diesem Grunde sehr häufig, weil die Toten mehr an die einzelnen Seelen heran können als an dasjenige, was so in der Menschheitsentwickelung heute sozial lebt. Die Toten haben einen starken Trieb, an dasjenige heranzukommen, was in der Menschheitsentwickelung sozial lebt, aber es ist eben in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum außerordentlich schwierig für sie.

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Cite: GA 173c/1917-01-21/p031 · edition original