Zweiter Vortrag
Ja, das sind objektive Wahrheiten, welche die Geistesforschung ergibt. Sie zeigt Ihnen, daß es bitter ernst ist mit dem Satz, der oftmals ausgesprochen wird von seiten der Geisteswissenschaft: Daß das, was uns in der äußeren Wirklichkeit entgegentritt, Maja, große Täuschung ist, und daß hinter dieser Maja, hinter diesem Schleier Wahrheiten liegen, von denen sich derjenige, der sich nur mit dem Schleier der Maja begnügen möchte, nicht nur nichts mit seinem Verstande wissen kann, sondern auch nichts wissen möchte mit seinem Willen. — Es gibt in unserer Zeit eben noch viele, viele Menschen, die noch nicht einsehen können, was da hinter dem Schleier der Maja liegt, und deshalb nicht verstehen können, daß es eine solche übersinnliche, unsichtbare Welt gibt und in dieser ganz andere Verhältnisse der menschlichen Seele zu den anderen Volksseelen, als man sich träumen läßt. Wenn man die Geisteswissenschaft gerade da im Ernst nimmt, wo sie hineinweist in die Sphären, die mit unserem Leben zusammenhängen, dann muß man es ertragen, daß da die Geisteswissenschaft hinweist auf Verhältnisse der geistigen Welt, in die unterzutauchen, auch nur mit dem Bewußtsein, recht unbequem ist, so daß man sich dagegen sträubt auch mit seinem Willen. Man will nicht untertauchen, man möchte, daß die Wahrheit anders sei in bezug auf sehr viele Dinge. Daß nicht nur der Verstand, sondern auch der Wille sich sträubt gegen das, was die Geisteswissenschaft oftmals als bitter Ernstes zu sagen hat, das ist etwas, was wir uns auch einmal vor die Seele führen dürfen. Und aus Empfindungen heraus, die angeregt werden können durch eine solche Auseinandersetzung wie die eben ausgesprochene, verspüren wir, daß der Grundsatz, den wir haben innerhalb unserer Geistesbewegung, von einem gewissen Wirken, ohne Unterschied der Rasse, Farbe, Nationalität und so weiter, im Grunde genommen so eng zusammenhängt mit dem tieferen Wesen dieser unserer Bewegung, daß es ja eigentlich für den, der den tiefen Ernst der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten einsieht, ein Unsinn ist, diesen ersten Grundsatz nicht zu vertreten. Ein wirklicher Unsinn ist es, denn im tiefsten Menschlichen das Wesen irgendeiner Volksseele hassen, heißt eben, sich dazu verurteilen, mit dieser Volksseele im Unterbewußten genau ebenso zusammen zu sein während des Schlafes, wie man während des Wachens in seinem Unterbewußtsein zusammen ist mit der Volksseele, die die eigene ist. Denn das normale Zusammensein mit Volksseelen im Schlafe ist dieses: mit dem ganzen Reigen der anderen für ein Zeitalter in Betracht kommenden zusammen zu sein. Daß der Mensch nicht einseitig werden darf, dafür sorgt die weise Einrichtung der Welt.
Cite:
GA 174a/1914-12-03/p010 · edition original