Vierter Vortrag
Dieses ist ein ganz ätherisches Erleben. Während wir, wenn wir hier physisch-sinnlich erleben, auf das Feste, das Derbe mit unseren Sinnen aufstoßen und genau wissen: das sinnlich Erlebte ist da draußen und wir erfühlen uns in den Grenzen unserer Haut -, erlebt der durch die Todespforte Geschrittene sein Dasein und seinen Zusammenhang mit der Welt so, daß er nicht in so starker Weise unterscheidet; er fühlt gewissermaßen das, was er als Lebenstableau hat, als ein Stück seines Selbstes. Ja, es ist dieses Lebenstableau überhaupt zunächst seine Welt. Er überschaut das, was er durchlebt hat, in einem großen Lebenspanorama, als seine nächste Welt, in der er zunächst ist. Gewissermaßen entsinkt ihm das irdische Dasein, und es preßt sich aus diesem entsinkenden irdischen Dasein das heraus, was er seit seiner Geburt innerhalb dieses irdischen Daseins erlebt hat, und das läuft ab so wie ein mächtiges, lebendiges intensiv lebendiges, nicht mit dumpfem 'Traumbewußtsein, sondern mit deutlichem Bewußtsein durchzogenes Bilderpanorama, wobei eben nicht etwa bloß Bilder gesehen werden, sondern wobei alles das wieder auflebt, was wir auch in anderer Weise innerhalb des Lebens erfahren haben. Jedes einzelne Gespräch, das wir mit Menschen gehabt haben: wir hören es wieder; alles das, was wir mit Menschen zusammen erfahren haben, was wir ausgetauscht haben an Empfindungen mit ihnen: wir erfahren es wieder. Dadurch, daß alles flutendes Leben ist, ist jener Lebensreichtum möglich, der, in einige Tage zusammengedrängt, eine völlige Überschau — die eigentlich immer gleichzeitig vor uns ist — über das gibt, was wir in einem manchmal langen Erdenleben durchgemacht haben. Und wir machen es so durch, daß wir dann wissen: Früher, auf der Erde, hast du das so durchlebt, daß Erlebnis nach Erlebnis gekommen ist. Du hattest ein Erlebnis, standest drinnen in einem Lebenszusammenhang. Der flutete dahin, blieb zum Teil in deiner Erinnerung, wurde zum Teil vergessen. Dann trat Neues ein, und so setzte sich durch Jahre hindurch der Lebensstrom zusammen. Jetzt ist das alles gleichzeitig vor dem seelischen Auge stehend, und jetzt ist das alles, man möchte sagen, in dem zur Welt erweiterten Selbst drinnen.
Cite:
GA 174a/1915-11-29/p005 · edition original