Vierter Vortrag
Wie ist denn eigentlich dieses Ich-Bewußtsein hier in der physischen Welt? Es ist so, daß wir eigentlich hier in der physischen Welt, wenn wir unser Ich gewahr werden wollen, darauf angewiesen sind, daß es uns durch anderes in unserem physischen Leib gezeigt wird. Es erscheint uns gleichsam aus dem Spiegel unseres physischen Leibes heraus, dieses unser physisches Ich. Wir fühlen uns recht passiv in der Erzeugung unseres Ich, zumindest wenn wir nicht gerade einer solchen Philosophie wie derjenigen Johann Gottlieb Fichtes nachleben. Dagegen, nachdem wir durch die Todespforte geschritten sind, fühlen wir uns fortwährend tätig. Wir geben uns gleichsam unser jetzt viel intensiveres Bewußtsein immer wieder und wiederum dadurch, daß wir rückschauen auf unser eigenes Leben und mit dem Ich-Bewußtsein das Bewußtsein verbinden: Wir wollen uns, und wollen uns immer wiederum, und wir dürfen uns wollen, denn unverlierbar bleiben wir uns selbst dadurch, daß unauslöschbar der Eindruck bleibt dessen, was wir einmal durchlebt haben. — Ich möchte mit diesen Worten gerade sehr deutlich das wiedergeben, was da im Ich-Bewußtsein zwischen dem 'Tod und einer neuen Geburt erlebt wird. Und ungleich dem Erleben, dem Bewußtseinserleben hier auf dem physischen Plan ist das Bewußtseinserleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Hier auf dem physischen Plan kann eigentlich niemand aus eigener Erfahrung im normalen Bewußtsein zurückschauen auf seine eigene Geburt. Seine Geburt kann jemand im eigenen Erleben mit normalem Bewußtsein nicht beobachten, das Erinnern fängt erst später an. Ich habe auch hier schon einmal gesagt: Wenn die Leute nur auf Erfahrung, auf das Selbsterfahren etwas geben wollen im Leben, dann kann eigentlich niemand an seine eigene Geburt glauben, seine Geburt erlebt er im Grunde genommen höchstens, wenn er hellsichtig zurückschaut. Wenn jemand sagt: Ich glaube nicht früher an die geistige Welt, als bis ich sie selbst gesehen habe; dasjenige, was mir die Geisteswissenschaft sagt, das will ich nicht glauben, ich glaube nur das, was ich selbst gesehen habe -, dann kann man ihm im Grunde genommen antworten: Und deine eigene Geburt? Es scheint doch, als ob du glauben würdest, daß diese stattgefunden hat? Aber eine Erfahrung kannst du nicht gut davon haben. — Man sieht daraus, wie sogar etwas ganz Bedeutungsvolles für das Menschenleben nur aus einer Schlußfolgerung heraus für das normale Bewußtsein eben bewußt ist. Wir nehmen nur immer für das normale Bewußtsein an, daß wir geboren sind, indem wir schließen: Wir schauen gerade so aus wie die Menschen, von denen wir schon beobachteten, daß sie geboren sind, also werden wir wohl auch geboren sein. — Aber es beruht nur auf einer Schlußfolgerung.
Cite:
GA 174a/1915-11-29/p012 · edition original