Vierter Vortrag
Es ist wirklich so, daß man die Sache in folgender Weise beschreiben möchte: Man fühlt sich in der geistigen Welt. Es tritt das Bewußtsein auf: Du bist jetzt nicht allein, eine Seele naht dir. — Nun ist es so, wie wenn man in der physischen Welt einen Gedanken unsichtbar in der Seele trägt. Man will ihn aber sichtbar machen. Da nimmt man eine Kreide und zeichnet den Gedanken auf, macht ein Bild davon. So ist es wirklich zunächst bei den Erlebnissen in der geistigen Welt. Man weiß: es ist ein reales Geistwesen da. Um die Seele zu sehen, muß man erst mit ihr so in Berührung kommen, daß man sie gleichsam als Imagination in den Geistraum hineinzeichnet. Das tut man auch, aber man weiß sich tätig im Schaffen der Imagination. Und wenn sie durch die Sphärenmusik, durch die sie ihr Wesen zu unserem Wesen sprechen läßt, so sprechen will, wie der Mensch hier durch seine Sprache seine Seele uns in der physischen Welt ankündigt, wenn sie die Sphärenmusik aus sich ertönen läßt, dann fühlt man auch, daß man nicht passiv bleiben kann. Wenn Sie die Sprache eines Menschen hören und Sie wollen nicht dabei denken, so brauchen Sie sie nicht zu verstehen. Mittun muß man, wenn man sie verstehen will. So muß man überall hier auch mittun. Man lebt sich so zusammen, aktiv, tätig; man weiß, daß man jedes Stück der Erscheinung des Wesens einer Seele, das man so vor sich haben kann, miterzeugen muß als Erscheinung. Die Erscheinung erzeugt man, nicht das Wesen. Es wird dann auch der Fall eintreten, wo man sich nicht so stark tätig fühlt, daß man weiß: Jetzt ist eine Menschenseele da. Aber diese drängt durch sich, ohne daß wir so stark uns beteiligen wie in dem eben beschriebenen Fall, zur Imagination. Die Imagination entsteht mehr durch sich selbst vor uns. Dann stehen wir einer Seele gegenüber, die noch auf Erden verkörpert ist. Und indem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist und allmählich in der geistigen Welt weiterlebt, lernt er an dieser Art und Weise, wie er sich zu den Seelen stellt, die Unterschiede zwischen Seelen kennen, die er eben in der geistigen Welt trifft, und solchen, die er sich auf die Erde versetzt zu denken hat.
Cite:
GA 174a/1915-11-29/p017 · edition original