Dritter Vortrag
Das ist die Ergänzung zu dem gestern Auseinandergesetzten. Und so ist es im Grunde genommen mit aller Evolution, soweit sie sich unter dem Einfluß des Christus-Impulses nach und nach entwickelt hart. Denn was jetzt im 20. Jahrhundert geschieht, hat sich ja nach und nach entwickelt. Der Christus-Impuls ist eingezogen durch das Mysterium von Golgatha in die irdische Menschheitsentwickelung, und er hat darinnen gewirkt. Aber wenn er nur hätte so wirken können, der Christus-Impuls, wie ihn die Menschen verstanden haben, hätte er wenig wirken können bisher. Wir fangen ja erst an mit dem Verständnis, wir fangen erst an, durch Geisteswissenschaft etwas zu begreifen von dem, was das Mysterium von Golgatha ist. Der Christus-Impuls hat gewirkt. Aber wahrhaftig wirkte er am wenigsten in dem, was das Gezänk und Geschrei der Theologen war. Schlimm wäre es gewesen, wenn nur so viel von dem Christus-Impuls hätte hereinkommen können in die Erdenentwickelung, wie die Menschen begriffen haben in den verschiedenen Epochen mit ihrem Verstande. Aber ich habe darauf hingewiesen, wie der Christus-Impuls durch die Jahrhunderte in unbewußte Seelenkräfte gewirkt hat. Ich habe Ihnen geschildert, wie am 28. Oktober 312 Konstantin gegenüberstand dem Maxentius, und wie da eine Schlacht geschlagen wurde, durch die das Schicksal von Europa entschieden worden ist. Nicht durch die Kunst der Feldherren wurde diese Schlacht geschlagen, sondern durch dasjenige, was sich im Unterbewußtsein der Menschen zugetragen hat. Maxentius befragte die sibyllinischen Bücher. Die verführten ihn, statt seine Heere in Rom in Sicherheit zu lassen, sie aus den Toren Roms zu führen, den Heeren Konstantins entgegen. Konstantin aber hatte den Traum: das Monogramm Christi seinem Heere vorantragen zu lassen. Man folgte also nicht den Gescheitheiten der Feldherren, sondern man folgte Träumen, das heißt den Impulsen des Unterbewußtseins. Von dem, was daraus entstand, hat Europa seine Gestaltung bekommen. Nicht von dem leitete sich her die wirkliche Gestaltung des Christus-Impulses, worüber die Theologen zankten, sondern von dem, was der lebendige Christus auf den Feldern war, wo er wirken kann. Nicht die menschlichen Begriffe vom Christus — auf die kommt es nicht an -, sondern der lebendige Christus, der durch die Impulse wirkt, die die seinigen sind. Wenn ihn die Menschen nicht verstanden, ging er in das hinein, wo man nicht zu verstehen braucht, wo man in Träumen aufnimmt, was in die Willenssphäre übergehen soll.
Cite:
GA 174b/1915-02-14/p016 · edition original