Sechster Vortrag
Wir sind ja im Grunde überall von Geheimnissen umgeben, und die Erkenntnis und das Erkenntnisstreben spornt immer zur tiefsten Bescheidenheit an. Denn denken Sie sich, wie weit der Weg ist von der Anschauung einer solchen Sache im allgemeinen bis zu der konkreten Anschauung der Einzelheiten von alledem, was als Pflanzendecke die Erde bedeckt. Das Feld der Erkenntnis eröffnet sich damit wirklich als ein unendliches. Wir stehen sozusagen an jedem Punkte unseres Daseins der Unendlichkeit gegenüber. Und es gehört zu der rechten Stimmung, die der Mensch entfalten soll der Welt gegenüber, einen Sinn zu haben dafür, daß man überall eigentlich in ein unendliches Dasein hineinblickt. Dadurch fühlt man aber auch ein gewisses Band zwischen dem einzelnen endlichen Menschendasein und dem Unendlichen, der ganzen Welt. Und diese Stimmung müßte man eigentlich ausgießen über alles einzelne, was die Geisteswissenschaft uns bringen kann, denn ohne diese verehrungsvolle Stimmung gegenüber dem Unendlichen läßt sich eigentlich nichts mit der richtigen Empfindung in der Geisteswissenschaft erfassen. Man muß zuweilen eine solche Stimmung in sich erneuern, damit man aufhört, die Erkenntnis als etwas zu betrachten, was so wie ein auch im Leben Verlaufendes nebenher aufgesucht wird, während sie in der Tat zum allerheiligst Geistigen gehören muß, das in unser Leben eingreift.
Cite:
GA 174b/1915-11-24/p014 · edition original