Sechster Vortrag
Gerade in unserem gegenwärtigen Zeitenzyklus lassen ja die Menschen nur das so recht als eine Wirklichkeit gelten, was nicht ein «bloßer Gedanke» ist. Der Gedanke ist für sie eigentlich nichts Wirkliches. Und sie mögen von ihrem Standpunkt aus recht haben, aber es ist eben eine gewisse Stimmung der Seele. Das, was wirklich ist, das muß schon derber an den Menschen herantreten als ein bloßer Gedanke, recht sehr derb. Ein bloßer Gedanke ist eben — ein bloßer Gedanke! Aber das, was man als seiend bezeichnet, das darf für die gegenwärtigen Menschen nur ja kein bloßer Gedanke sein. Was sich als bloßer Gedanke gibt, das bezeichnet der Mensch heute eben als nicht seiend. Das Seiende muß derb sich hineinstellen in die Welt, muß nicht bloß zum Gedanken sprechen. Aus dieser Stimmung heraus glauben die Menschen nur dann in der Wirklichkeit zu stehen, wenn sie von dieser Wirklichkeit als einem Seienden, einem Sein sprechen können, wenn sie gezwungen werden, diese Wirklichkeit durch das Sein anzuerkennen.
Cite:
GA 174b/1915-11-24/p021 · edition original