Neunter Vortrag
Ich habe wohl auch hier schon ein Beispiel erzählt, das besonders charakteristisch ist: Ich hielt in einer süddeutschen Stadt einmal einen Vortrag über das Thema «Bibel und Weisheit», worin ich versuchte auseinanderzusetzen, wie auch der positiv christliche Mensch, gerade wenn er sich recht versteht, den Weg zur Anthroposophie finden kann, indem ich schilderte, wie Anthroposophie durch ihre Voraussetzungen tiefer eindringen kann in die großen, ja niemals auszuschöpfenden Geheimnisse des Urbuches der Menschheit, der Bibel. Nach dem Vortrage kamen zwei katholische Priester an mich heran, die an dem Vortrag teilgenommen hatten. Und aus ihren Worten ging klar hervor, daß sie eigentlich aus ihrer christlichen Lehre, so wie sie sie auffaßten, wie sie sie als Theologen kannten - vielleicht nicht so sehr als auf irgendwelche Dinge hin verpflichtete Priester, sondern als Theologen kannten —, nichts Besonderes einwenden konnten. So begaben sie sich denn auf einen Seitenweg und sagten: Ja, sehen Sie, es ist ja nichts Besonderes zu sagen von unserem Standpunkte aus gegen das, was Sie gerade heute vorgebracht haben, als dieses: Wenn wir reden, dann reden wir so, daß jeder auffassen kann, was wir sagen. Sie reden allerdings auch vom Christentum, aber nur für diejenigen, die einen gewissen Bildungsgrad erreicht haben oder sich besonders für diese Art vorbereitet haben. — Ich erwiderte darauf: Ja, sehen Sie, Hochwürden, darauf kommt es nicht an, was Sie oder ich denken über die Frage, was zu allen Menschen gesprochen werden soll, denn das führt das ganze Thema auf den Abweg der persönlichen Meinung. Es ist gar nicht besonders wunderbar, daß ein jeder von dem, was er treibt, glaubt, daß es allgemein-menschlich gültig ist. Warum sollte man sich denn darüber wundern; sonst würde er es ja nicht treiben! Aber darauf kommt es eben nicht an, was Sie oder ich denken, daß es richtig ist. Unsere Art, über den Geist zu forschen, fängt damit erst an, daß wir uns erheben über diese persönliche Meinung, und die Wirklichkeit, die wahre Wirklichkeit ins Auge fassen. In unserem Falle liegt diese Wirklichkeit sehr nahe. Sie liegt einfach in der Antwort auf die Frage: Kommen heute alle Leute, für die Sie zu reden glauben — Sie glauben ja für alle Leute zu reden -, noch zu Ihnen in die Kirche? Die Frage beantwortet eine Tatsache — die Frage, ob Sie meinen, daß Sie für alle Leute reden. Daß das allen Leuten gelten soll, das entspricht nur Ihrer Meinung; das andere entspricht nur einer Tatsache. Sagen Sie mir, ob alle Leute in die Kirche gehen! — Darauf konnten sie mir nichts anderes erwidern, als daß eine Anzahl von Leuten eben nicht in die Kirche gehen. Das
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GA 174b/1917-05-11/p007 · edition original