Neunter Vortrag
Wenn man sich diese Voraussetzungen einmal einigermaßen vor die Seele ruft, dann zeigt es sich uns als wahr, daß eine Grundintention in der ganzen Ihnen vorliegenden anthroposophischen Literatur herrscht, eine Grundansicht, eine Grundtendenz und eine Grundgesinnung. Geht man alle diese Schriften durch, nicht mit der wohlwollenden Gesinnung, die wir vielleicht innerhalb unseres Kreises gewonnen haben, sondern mit dem kritischen Blick, den man gerade aus der gegenwärtigen Zeitkultur heraus gewinnen kann, dann wird man eines als den Kernpunkt dieser ganzen anthroposophischen Literatur finden. Das ist, daß alles darauf ausgeht, der Menschenseele dasjenige zu bringen, wonach diese Menschenseele vor allen Dingen in der Gegenwart verlangen muß: Selbständigkeit, Urteilskraft aus dem eigenen Inneren heraus. Ich habe öfter dem Drängen widerstehen müssen, das von dieser oder jener Seite an mich gestellt worden ist, populär zu schreiben. Ich habe diesem Drängen immer widerstanden, aus dem einfachen Grunde, weil es sich nicht darum handeln kann, innerhalb der anthroposophischen Literatur den Menschen Glaubensartikel zu geben, die sie, wenn sie wollen, in leichtgeschürztem Verständnis entgegennehmen, sondern weil es sich nur darum handeln kann in dieser Literatur, eigene Urteilsfähigkeit, das eigene Seelensuchen aufzurufen. Das herrscht, wie sich jeder, der will, überzeugen kann, innerhalb dieser ganzen anthroposophischen Literatur.
Cite:
GA 174b/1917-05-11/p010 · edition original