Neunter Vortrag
Man darf sagen: Gerade die naturwissenschaftliche Forschung hat heute einen bestimmten Stand erreicht, und dieser Stand der .naturwissenschaftlichen Forschung wäre zugänglich denjenigen, die heute berufen sind, die naturwissenschaftlichen Fächer zu vertreten, wenn nicht die meisten einfach sich in ihr Fach einspinnen und nicht über die Grenzen ihres Faches hinausgehen würden. Wenn sich nur, ich will sagen, ein Dutzend der offiziellen Vertreter —- und nur diese werden ja heute gehört — aufraffen würden mit innerster Ehrlichkeit, und dann mit dem, was sich ergibt aus diesem naturwissenschaftlichen Stand, dasjenige prüfen würden, was in’meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», in meiner «Theosophie» steht, dann würden sie alles von der Seite her bewahrheitet finden, die man charakterisieren kann, indem man sagt: Seht euch das Leben an, ob das Leben dasjenige nicht bestätigt, was durch Geisteswissenschaft erfahren werden kann, was hier aus der geistigen Welt heraus gesucht wird! — Wer heute Naturwissenschaft wirklich beherrscht, kommt zur Beglaubigung desjenigen, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt. Dies ist durchaus eine Wahrheit. Aber wir stehen vor der eigentümlichen Tatsache, daß sich gerade diejenigen, die eine solche Prüfung vornehmen könnten, absolut nicht darum kümmern, bis jetzt nicht sich darum gekümmert: haben, daß niemand diese Fragen auch nur aufgeworfen hat — von denjenigen sehe ich ab, die aus unseren Kreisen die Anregung dazu empfangen haben —, daß niemand die Aufgabe sich gestellt hat, die geisteswissenschaftlichen Resultate der Anthroposophie an der, aber voll verstandenen, naturwissenschaftlichen Forschung der Gegenwart wirklich zu prüfen! Vor dieser Prüfung braucht die geisteswissenschaftliche Forschung wahrhaftig nicht die geringste Angst zu haben, die wird sie bestehen. Sie soll nur angestellt werden, sie wird bestanden werden. Aber allerdings, in einer Zeit, in der man nicht einmal die Geneigtheit hat, auf die allerprimitivsten Wahrheiten einzugehen, wird diese Prüfung vielleicht noch lange auf sich warten lassen.
Cite:
GA 174b/1917-05-11/p016 · edition original