{"corpus":"steiner","locus":"GA 174b/1917-05-11/p020","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun, das sind so Teile der Gründe, warum es in der Gegenwart so schwierig ist, mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft durchzukommen, einfach weil sie stoßen muß an die allerallernächstliegenden Vorurteile. Aber gerade weil diese Sache so ist, wird Geisteswissenschaft nicht eigentlich bekämpft, denn das Bekämpfen der Geisteswissenschaft steht ja, das muß man gestehen, auf sehr schwachen Füßen. Suchen Sie sich diejenigen wissenschaftlichen Erörterungen einmal auf, welche versuchen, in ernster Weise und auf die Sache eingehend, Geisteswissenschaft, wie sie vorliegt, zu behandeln, suchen Sie sich Abhandlungen oder dergleichen dieses Kalibers auf! Wer sich jemals damit befaßt hat, wird sehen, wie wenig es nach dieser Richtung gibt. Aber es mag ja vielleicht auch gar nicht bequem sein, auf diesem Wege vorwärtszugehen. Denn sehen Sie, mir erzählte vor einigen Jahren einmal ein Student, der eben sich anschickte, an einer sehr bekannten Universität als Philosoph seinen Doktor zu machen: er wollte eine Dissertation schreiben, die ihm geraten worden war von einem berühmten Professor. Diese Dissertation sollte handeln über den großen russischen Denker Solowjow. Dazumal war von Solowjow nicht viel mehr gedruckt als ein paar Sachen, die von Nina Hoffmann herausgegeben worden sind; später kam ja viel mehr heraus. Ich frug den Studenten: Warum gibt Ihnen der Professor gerade den Rat, über diesen Solowjow die Dissertation zu machen? — Ja, sagte der Student, der Professor weiß von diesem Philosophen gar nichts und möchte etwas erfahren. — Das ist also der beste Weg: Man läßt den Schüler eine Doktorarbeit über Solowjow schreiben, wenn der Schüler russisch kann; dann erfährt man etwas über ihn. So entstand denn die Doktorarbeit über Solowjow. Aber ungefähr aus derselben Gesinnung heraus entstehen sehr viele Doktorarbeiten. Es ist geradezu dies vielfach eine Maxime, wie Themen für Doktorarbeiten gegeben werden. Damit aber wird eine gewisse wissenschaftliche Gesinnung herangezogen, herangezüchtet, könnte man sagen. Der betreffende Professor hätte natürlich nur einen Weg haben können, den Solowjow wirklich kennenzulernen, wenn er die Absicht gehabt hätte, nicht nur Professor der Philosophie zu sein, sondern auch die Philosophie der Gegenwart kennenzulernen in einem ihrer hervorragendsten Vertreter: Er hätte versuchen müssen, Solowjow selber zu studieren, so gut es geht, wenn auch das wenigste von Solowjow übersetzt ist, und er nicht selbst russisch kann. Es ist ein unbequemer Weg, man darf aber schon sagen: Für viele, die zu einem eigenen Urteil über Geisteswissenschaft kommen wollten, ist heute der Weg viel unbequemer, Geisteswissenschaft kennenzulernen. Denn es ist noch ein Unterschied, ob nun ein Professor eine Dissertation machen läßt über Solowjow, oder ob er etwa eine Dissertation machen ließe über die Geisteswissenschaft. Über Solowjow geht es noch halbwegs, ein Urteil zu gewinnen, wenn die Dissertation fertig ist, denn der Schüler ist ja ohnehin gut dressiert, dieses Urteil nur abzugeben in dem Sinne, wie eben Philosophie gelehrt wird. Aber was sollte denn ein heutiger Professor zum Beispiel mit einer Dissertation über Geisteswissenschaft anfangen? Er könnte ja gar nichts damit anfangen. Er würde absolut ratlos davorstehen. Und noch unbequemer ist natürlich der Weg, nicht auf dem Umweg einer Dissertation die Sache kennenzulernen, sondern etwa gar irgendwie erschöpfend die Sache selbst zu studieren.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Neunter Vortrag","site_heading":null,"date":"1917-05-11","location":null,"word_count":508,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/174b/1917-05-11/p020","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/174b/1917-05-11/p020"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/174b/1917-05-11/p020","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}