Dreizehnter Vortrag
Dasjenige, was die Naturwissenschafter selber ausbilden, das ist gewiß geistvoll, brauchbar, ist gewissenhaft methodisch, aber nur für die äußere Natur. Heute arbeitet ein jeder auf seinem Felde und dehnt gar nicht die Begriffe, die auf irgendeinem Felde erarbeitet werden, über die Gesamtheit der menschlichen Weltanschauung aus. Nehmen Sie nur eines, da werden Sie gleich verstehen, was ich eigentlich meine. Der gewöhnliche Schulphysiker, der heute die Magnetnadel betrachtet, die mit dem einen Ende nach Norden, mit dem anderen nach Süden weist, erklärt seinen Buben schon, daß dieses ständige Weisen der Magnetnadel nach Norden und nach Süden vom Erdmagnetismus herrührt, daß die Erde auch ein großer Magnet ist; und es wäre lächerlich, wenn dieser Schulphysiker in der Magnetnadel selber die Kräfte suchen würde, die bewirken, daß die Nadel nach diesen Richtungen zeigt. Er sucht das aus Eigenschaften der Erde zu erklären, er sucht die Ursache im Kosmos draußen. Auf diesem rein toten Gebiet, da taugen schon die naturwissenschaftlichen Begriffe noch etwas, da kann man auf das eine oder andere noch kommen. Daher fällt es niemandem ein, von der Magnetnadel zu sagen, sie habe in sich die Kraft, immer nach der einen Richtung hinzuweisen. Man nimmt Richtkräfte vom magnetischen Nordpol und Südpol der Erde an. Der Biologe tut das schon nicht mehr. Dem fällt es gar nicht ein, einen ähnlichen Begriff auszubilden. Der Biologe sieht das Huhn, in dem sich das Ei bildet. Es fällt ihm gar nicht ein, dieselbe Frage so zu stellen, wie der Physiker sie bei der Magnetnadel stellt. Der Biologe sagt einfach: Wenn sich das Ei im Huhn bildet, so liegt die Ursache der Eibildung im Huhn. Würde er vorgehen wie der Physiker mit der Magnetnadel, so würde er sich sagen: Zwar ist im Huhn der Platz, an dem sich das Ei ausbildet, aber wie an der Magnetnadel der Kosmos mitwirkt, so wirken die kosmischen Kräfte mit, wenn sich das Ei bildet. Ich muß hinausgehen aus der eng begrenzten Natur und muß das, was draußen ist, zu Hilfe nehmen. Im Huhn ist zwar der Ort, an dem sich der Eikeim bildet, aber die Kräfte wirken herein aus dem Kosmos, wie sie aus dem Kosmos der Magnetnadel Richtung geben.
Cite:
GA 174b/1918-02-24/p018 · edition original