Dreizehnter Vortrag

GA 174b/1918-02-24/p020 ·1918-02-24 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Schon die bloße Betrachtung des menschlichen Skeletts zeigt erwas außerordentlich Wichtiges, etwas, ich möchte sagen, Großartiges zeigt sie. Wenn Sie das menschliche Skelett anschauen, so haben Sie das Haupt, das eigentlich nur aufgesetzt ist auf dem übrigen Rumpfskelett; es ist eine Welt für sich. Der andere Skeletteil ist ganz anders gebildet. Sobald man die Goethesche Metamorphosenlehre anwendet, bekommt man allerdings die Umwandlung des Rumpfes zum Hauptskelett, aber das Hauptskelett ist kugelförmig gebildet, das Haupt ist ein Abbild der ganzen Weltensphäre. Das andere ist mehr mondenförmig gebildet. Das ist etwas außerordentlich Wesentliches und weist uns darauf hin, daß wir, wenn wir über den Menschen schon aus seiner Gestalt heraus fruchtbare Begriffe bekommen wollen, hinschauen müssen auf so etwas, was schon in der Gestalt angedeutet ist. Unsere Naturwissenschaft ist ja großartig, aber sie ist analphabetisch in bezug auf die Erkenntnis der Welt. Sie geht so vor wie jemand, der die Seiten eines Buches nicht liest, sondern beschreibt: A ist so, B ist so -, der also nicht liest, sondern bloß die Buchstaben beschreibt. Man muß aber zum Lesen vorschreiten, man muß verstehen, die Gestalten der Natur nicht bloß so zu beschreiben, wie es die Naturwissenschaft macht, sondern sie zu deuten in ihren Beziehungen, in ihren Übergängen. Dann kommt man aus dem Lesen der Naturgestalten und Naturerscheinungen zum Enträtseln des Sinnes der Welt. Gewiß, die Menschen, die so etwas heute hören und mit ihren dicken Köpfen ganz in dem Analphabetismus drinnenstecken, die finden eine solche Sache, wenn man sie sagt, ganz schauderhaft. Davon könnte man gute Beispiele anführen, wie man etwas schauderhaft findet, was so vom menschlichen Skelett hergeholt ist, was aber auf den ganzen menschlichen Organismus ausgedehnt werden kann. Der Mensch ist eine Zwienatur, und diese Zwienatur drückt sich schon aus in dem durchgreifenden Gegensatz des Hauptes und des übrigen Organismus.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/174b/1918-02-24/p020.json
Cite: GA 174b/1918-02-24/p020 · edition original