Dreizehnter Vortrag
Es gibt heute schon Werke - ich habe es vielleicht auch hier schon erwähnt -, welche vom Standpunkte der richtigen gegenwärtigen Naturwissenschaft aus die Christus Jesus-Frage behandeln. Sehr interessante Bücher, weil sie kompromißlos vorgehen. Vor allen Dingen ein dänisches Buch. Es gibt auch andere, die wirklich aussprechen, was der gegenwärtige Psychologe, der gegenwärtige Psychiater, der naturwissenschaftlich denkt, über den Christus Jesus denken muß. Was wird da der Christus Jesus? Er wird da ein Epileptiker, ein pathologischer Mensch, eine krankhaft veranlagte Natur. Und die Evangelien werden so interpretiert, daß man in jedem Kapitel sieht: sie sind Krankheitsgeschichten. Das ist natürlich alles Blödsinn; aber daß es Blödsinn ist, das zu sagen, dazu hat heute nur derjenige das Recht, der die Sache geistig durchschaut. Derjenige, der die naturwissenschaftliche Psychologie und Psychiatrie heute gelten läßt, von dessen Standpunkt aus ist diese Christus-Lehre die richtige, weil sie da die richtige Konsequenz zieht. Und ein Mensch, der so als heutiger Psychiater spricht, ist noch immer ein besserer Mensch, ein wahrerer, ein ehrlicherer Mensch als derjenige, der die heutige Psychiatrie annimmt und doch im anderen Sinne über den Christus denkt, im Sinne jener Pastoren oder Pfarrer, die auch die Naturwissenschaft umfänglich gelten lassen und doch die Kompromisse schließen.
Cite:
GA 174b/1918-02-24/p033 · edition original