Dreizehnter Vortrag
In diesen Tagen ist mir ein Zettelchen in die Hand geschoben worden über ein Buch, das mir aber schon bekannt war, das ja jedenfalls das Entsetzen der Dame — denn eine Dame wird es ja wohl sein - hervorgerufen hat. In dem Zettelchen wird mitgeteilt, was Alexander Moszkowski geschrieben hat. Ich habe das Buch nicht hier, aber aus dem Zettelchen werden Sie den Inhalt des Buches erkennen können: «Wer jemals die Bänke eines Gymnasiums gedrückt hat, dem werden die Stunden unvergeßlich sein, da er in Plato die Gespräche zwischen Sokrates und seinen Freunden «genoß», unvergeßlich wegen der fabelhaften Langeweile, die diesen Gesprächen entströmt. Und man erinnert sich vielleicht, daß man die Gespräche des Sokrates eigentlich herzhaft dumm fand; aber man wagte natürlich nicht, diese Ansicht zu äußern, denn schließlich war der Mann, um den es sich handelte, ja Sokrates, der «griechische Philosoph». Mit dieser ganz ungerechtfertigten Überschätzung des braven Atheners räumt das Buch «Sokrates der Idiot von Alexander Moszkowski (Verlag Dr. Eysler & Co. Berlin) gehörig auf. Der Polyhistoriker Moszkowski unternimmt in dem kleinen, unterhaltend geschriebenen Werke nichts Geringeres, als Sokrates seiner Philosophenwürde so ziemlich vollständig zu entkleiden. Der Titel «Sokrates — der Idiot» ist wörtlich gemeint. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß sich an das Buch noch wissenschaftliche Auseinandersetzungen knüpfen werden.»
Cite:
GA 174b/1918-02-24/p035 · edition original