Dreizehnter Vortrag
Ich habe gestern davon gesprochen, wie dasjenige, was unsere Entwickelung ist, dem Orientalen erscheint. In vieler Beziehung sieht der Orientale gerade das, was das Kompromiflerische ist, das Unkonsequente, mit seinem naiven, intuitiven geistigen Vermögen. Und von hervorragenden Orientalen gibt es gerade jetzt kritische Anschauungen, die bedeutsam, interessant zu verfolgen sind. Immer mehr und mehr bilden sich im asiatischen Osten die Anschauungen aus, daß der Orient die weitere Entwickelung der Menschheit in die Hand nehmen müsse. Diese Anschauungen, wie würden sie zunichte werden können, wenn mehr Sinn wäre für dasjenige, was von hier als Geisteswissenschaft verkündet wird! Aber dann muß dieser Sinn auch wirklich ein lebendiger sein; man muß nicht nur etwas Interessantes an der Geisteswissenschaft haben wollen, an dem man sich eine innere seelische Wollust bereitet, sondern man muß etwas haben wollen, was das ganze Leben durchdringt. Und die Anschauung muß man haben können, daß durch die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft die sozialen, die sittlichen, die Rechtsbegriffe wirklich erst ins Auge gefaßt werden können. Dasjenige, was die Menschheit gedacht hat unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Weltanschauung durch Jahrzehnte, das ist dem Geiste, der in der Wirklichkeit waltet, nicht gewachsen. Nein, das ist höchstens gewachsen jenen Anschauungen, die heute Menschen ausbilden, welche die ganze Welt geistig ertöten möchten, weil sie ihre Begriffe nur von der Welt des Toten hernehmen. Künftige Zeiten, in denen man wieder objektiver denken wird über diese Dinge, in denen die Leidenschaften verglommen sein werden, die heute so vielfach die Urteile lenken und leiten, künftige Zeiten - ich bin voll davon überzeugt, daß es so sein kann — werden sagen: Eines der wichtigsten Charakteristika des Zeitalters um 1917 herum war, daß die Weltanschauung, die nur für den Kopf gedacht ist und den Menschen eigentlich ins Greisenhafte treibt, eine schulmäßige Weltanschauung geworden ist. - Man wird sie künftig einmal — die Zukunft wird vielleicht noch ferne liegen —- Wilsonismus nennen, anknüpfend an den großen Schulmeister, von dem sich heute ein großer Teil der Menschheit eine sozialpolitische Weltanschauung einprägen lassen will. Nicht umsonst ist die bloße Schulweisheit, die sich vom Geistigen nichts träumen läßt, heute eine der wichtigsten politischen Potenzen in der Form des Wilsonismus. Das ist wichtig, es ist ein ungeheuer bedeutungsvolles Zeitsymptom. Es ist nur nicht möglich, heute schon über diese Dinge wirklich eingehend und umfassend und alles ergreifend zu sprechen. Aber aus meinen heutigen Andeutungen werden Sie entnommen haben, wie wichtig es eigentlich ist, zu versuchen, diese Dinge durchgreifend zu verstehen, wie unendlich wichtig es ist, nicht nur aus Affekten, aus Emotionen heraus, sondern aus der Erkenntnis heraus diese Dinge ins Auge zu fassen.
Cite:
GA 174b/1918-02-24/p040 · edition original