{"corpus":"steiner","locus":"GA 175/1917-03-27/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Sie wissen ja, ich habe behutsam begonnen hinzuweisen auf eine gewisse Art der Betrachtung des Christus-Mysteriums in meinem nun schon vor längerer Zeit erschienenen Buch «Das Christentum als mystische Tatsache». Dieses «Christentum als mystische Tatsache» — welches, das sei nur nebenbei gesagt, eines der letzten Bücher war, das noch das alte Regime in Rußland vor wenigen Wochen in seiner neuen Auflage konfisziert hat - ist, ich möchte sagen, ein erster Anhub, das Christentum selbst zu begreifen vom geistigen Standpunkte aus; vom Standpunkte, der im Laufe der Jahrhunderte innerhalb der christlichen Entwickelung des Abendlandes selber mehr oder weniger verschwunden ist. Nun möchte ich vorerst eines besonders hervorheben, was ja eigentlich so liegt, daß alle Ausführungen des Buches «Das Christentum als mystische Tatsache» damit stehen und fallen. Eine bestimmte Anschauung über die Evangelien ist darin vertreten. Auf diese Anschauung soll weiter nicht eingegangen werden. Sie können sie ja in dem Buche nachlesen. Aber wenn diese Anschauung berechtigt ist, so ist gleichzeitig notwendig vorauszusetzen, daß die Evangelien keineswegs so spät entstanden sind, als man heute oftmals auch in der christlichen Theologie annimmt, sondern daß die Evangelien in unbestimmter Weise früh in ihrer Entstehung angesetzt werden müssen. Sie wissen ja, daß nach dieser Anschauung die Elemente der evangelischen Lehre in den alten Mysterienbüchern zu suchen sind, und daß es sich nur darum handelt, das Mysterium von Golgatha als eine Erfüllung desjenigen, was in den alten Mysterienbüchern enthalten ist, zu erkennen. Nun wird man gerade mit einer solchen geistigen Auffassung des Christentums in der gegenwärtigen Zeit auch gegenüber manchen theologisch-historischen Ausführungen auf Widerspruch stoßen. Es wird eine solche Ausführung auch gerade von den modernsten Theologen vielleicht als historisch unbegründet angesehen werden; es soll ja gewissermaßen klar sein, daß die Evangelien im ersten Jahrhundert, oder wenigstens in den ersten zwei Dritteln des ersten Jahrhunderts, noch keine besondere Rolle gespielt haben. Und sogar theologische Vertreter des Christentums gibt es schon, welche anzweifeln, daß irgendein Beweis dafür erbracht werden könne, daß im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung Leute, auf die es ankommt, an die Person des Christus Jesus gedacht oder, wie man es nennen will, geglaubt haben.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Achter Vortrag","site_heading":null,"date":"1917-03-27","location":null,"word_count":349,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/175/1917-03-27/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/175/1917-03-27/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/175/1917-03-27/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}