Achter Vortrag
Nun, es wird sich immer mehr und mehr herausstellen, daß, wenn die nur scheinbar so sorgfältige Forschung der Gegenwart nach allen Seiten hin ausgreifen wird und nicht nur sorgfältig, sondern allseitig sein wird, dann gerade viele Bedenken der sorgfältigen Forschung zerfallen werden. Natürlich kann man heute über die Fragen, die sich ergeben aus gewissen Widersprüchen zwischen den christlichen Urkunden und den jüdischen Urkunden zum Beispiel, allerlei Schlüsse ziehen. Aber diesen Schlüssen steht das entgegen, daß die außerchristlichen Urkunden, das heißt die nicht offiziell als christlich anerkannten Urkunden, sehr wenig bekannt sind, und namentlich von christlichen Theologen wenig berücksichtigt werden. Ein großer Teil der Nicht-Berücksichtigung liegt eigentlich daran, daß man das Christentum und namentlich das Mysterium von Golgatha selbst nicht geistig genug aufgefaßt hat; daß man keinen rechten Begriff verbinden konnte mit der paulinischen Vorstellung, die da unterscheidet zwischen dem psychischen Menschen und dem pneumatischen Menschen. Nehmen Sie nur unsere elementarste Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist. Im Grunde genommen hat Paulus, der bekannt war mit alten Mysterienwahrheiten in ihrem atavistischen Charakter, mit seinem Unterscheiden des psychischen und des pneumatischen Menschen nichts anderes gemeint, als was wir in erneuerter Form wiederum meinen müssen, wenn wir von der Seele und vom Geiste als zwei Gliedern der menschlichen Natur sprechen. Aber gerade diese Unterscheidung des psychischen und pneumatischen Menschen, diese Unterscheidung von Seele und Geist, sie ist der abendländischen Betrachtung mehr oder weniger ganz abhanden gekommen. Man kann aber das Mysterium von Golgatha in seiner eigentlichen Wesenheit nicht betrachten, wenn man nicht Begriffe hat über den pneumatischen Menschen im Unterschied von dem psychischen Menschen.
Cite:
GA 175/1917-03-27/p007 · edition original