Achter Vortrag

GA 175/1917-03-27/p011 ·1917-03-27 · original (original)
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Man kann nun sehen, daß diese mehr oder weniger vorhandene leichte Übereinstimmbarkeit der älteren Zeit namentlich gegen das Ende des ersten Jahrhunderts schwindet; daß mit anderen Worten auch aufgeklärte Juden furchtbare Gegner, Hasser alles Christlichen werden. Und so kam es auch, daß, als im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die ja heute für wichtig geltenden jüdischen Schriften verfaßt wurden, in die Abfassung dieser jüdischen Schriften eine ganz andere Stimmung hereinkam, als eigentlich gerade im Judentum mit Bezug auf das Christentum im ersten Jahrhundert vorhanden war. Man kann die Dinge wirklich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt so verfolgen, daß man sieht: ein gewisser Haß des Christentums bildet sich besonders im Judentum erst heraus. Damit geht Hand in Hand ein Umschwung im Judentum selber. Man kann eigentlich sagen: Wenn auch die heutigen Vertreter des Judentums das Alte Testament natürlich kennen in ihrer Art, aber nicht kennen dasjenige, was zur Zeit des Mysteriums von Golgatha im Judentum außerdem noch gelebt hat, so verkennen auch sie vielfach dasjenige, um was es sich der Hauptsache nach bei einer wirklich geschichtlichen Betrachtung eigentlich handelt. Man muß sich klar sein darüber, daß das Alte Testament auch noch im ersten christlichen Jahrhundert ganz anders gelesen worden ist, als es heute auch von den gelehrtesten jüdischen Rabbinern gelesen werden kann. Besonders seit dem neunzehnten Jahrhundert ist die Möglichkeit des Lesens alter Schriften mehr oder weniger verlorengegangen. Denn bei gewissen Dingen, die sogar noch im achtzehnten Jahrhundert als eine geheime Tradition an alten atavistischen Hellseher-Wahrheiten vorhanden waren, wußte sich der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts schon gar nichts mehr vorzustellen. Und der heutige Mensch weiß sich nichts anderes mehr vorzustellen, als daß er diejenigen, die von solchen Dingen sprechen, auch wenn sie der früheren Zeit angehören — nun, für verwirrte Köpfe hält!

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