Achter Vortrag
Sie wissen ja, daß ein tiefer Riß durch die abendländische Entwickelung geht mit Bezug auf die Spaltung in diejenigen Religionsformen, die heute in der russisch-orthodoxen Kirche fortleben, und diejenigen Religionsformen, die in der römisch-katholischen Kirche fortleben oder die von ihnen herausentwickelt sind. Rein dogmatisch genommen -— natürlich liegen hinter diesen Dingen andere, viel tiefergehende Impulse -, aber rein dogmatisch genommen, gehört zu dem Unterschiede, wie Sie wissen, das ja berühmte «filioque». Die römisch-katholische Kirche erkennt nach dem späteren Konzil - die russische Kirche erkennt ja nur die ersten sieben Konzilien an — die Formel an, daß der Heilige Geist ausgehe, wie man sagt: «sowohl vom Vater wie vom Sohn»; nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn. Das wurde ja von Konstantinopel aus als ketzerisch erklärt. Die russische Kirche — wie gesagt, dahinter liegen viel tiefere Impulse, aber das soll heute nur konstatiert werden — erkennt an, daß der Heilige Geist vom Vater ausgeht. — Die große Verwirrung in bezug auf dieses Dogma hat natürlich nur dadurch entstehen können, daß man überhaupt über den Begriff des Geistes in Verwirrung kam, daß man den Begriff des Geistes nach und nach überhaupt ganz verlor. Allerdings hängt das ja zusammen damit, daß gegen die fünfte nachatlantische Kulturperiode herauf der Mensch eine Zeitlang von der Anschauung des Geistes ausgeschlossen sein sollte. Gegenüber dieser Wahrheit ist dasjenige, was da geschah, man möchte sagen, das an der Oberfläche sich abspielende Spiegelbild. Aber man muß doch dasjenige, was in diesem Spiegelbild liegt, durchschauen, wenn man zu einer gültigen wirklichkeitsgesättigten Anschauung kommen will.
Cite:
GA 175/1917-03-27/p020 · edition original