Achter Vortrag
Nun ist die Entwickelung nicht abgeschlossen, welche ein wichtiges Moment in der dogmatischen Festsetzung hatte, daß es keinen Geist gibt, daß der Mensch nur aus Leib und Seele besteht. Die christlichen Theologen des Mittelalters, die noch mitten drinnen lebten in den fortlaufenden Traditionen — denn eigentlich war es nur rechtgläubige Kirchenlehre, daß der Mensch aus Leib und Seele besteht, während die Alchimisten und die anderen Leute, die noch mit den alten Traditionen vertraut waren, selbstverständlich wußten, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht -, sie wußten außerordentlich schwer den Weg zu finden, rechtgläubig zu sein auf der einen Seite und auf der anderen Seite doch anerkennen zu müssen, daß hinter den ketzerischen Lehren, die überall lebten von der Gliederung des Menschen in Leib, Seele und Geist, etwas steckt. Wir sehen überall, wie sich gerade die christlichen Theologen des Mittelalters wenden und drehen und nicht zurechtkommen, um, wie sie sagten, die sogenannte Trichotomie, die Gliederung des Menschen in drei Teile, zu vermeiden. Wer die christliche Theologie des Mittelalters nicht auf diese Schwierigkeiten hin, welche die Theologie hatte, die Trichotomie zu vermeiden, studiert, der kann sie überhaupt gar nicht verstehen.
Cite:
GA 175/1917-03-27/p021 · edition original