Achter Vortrag
Nun ist aber diese Entwickelung, die damit angedeutet ist, noch lange nicht abgeschlossen, denn sie entspricht einem außerordentlich wichtigen Impulse in der abendländischen Kulturentwickelung. Und weil im zwanzigsten Jahrhundert sich so manches abspielen wird, von dem man wissen muß, wenn man die jetzige Zeit verstehen will, so muß auch auf dieses wieder hingewiesen werden. Sehen Sie, ursprünglich - also wenn wir dasjenige, was in dieser verhältnismäßig späteren Zeit entstanden ist, «ursprünglich» nennen -, gliederte man den Menschen in Leib, Seele und Geist. Die Entwickelung war so weit gediehen, daß im neunten Jahrhundert der Geist abgeschafft werden konnte. Nun aber geht die Sache weiter. Man merkt sie nur heute noch nicht ordentlich, weil man ja überhaupt solche gewichtigen Dinge, wie die ganze Umwandlung des Denkens zum Beispiel von Saint-Martin bis heute gar nicht ins Auge faßt. Die Sache geht weiter, und es ist nicht allein damit getan, daß der Geist nur abgeschafft worden ist, die Menschheit tendiert dahin, auch die Seele abzuschaffen. Nach dieser Richtung sind ja bis jetzt nur Präliminarien geschehen, Vorboten, aber die Zeit ist heute schon reif auch für das Abschaffen der Seele. Nur macht sich der Mensch solche wichtigen Tendenzen, die in der Zeit liegen, nicht klar. Wir haben schon gewichtige Entwickelungsmomente, welche vorbereiten das Abschaffen der Seele. Konzilien wird man ja nicht so wie im neunten Jahrhundert veranstalten, die Dinge vollziehen sich heute anders. Ich muß immer wieder bemerken: ich kritisiere diese Dinge nicht, ich stelle nur die Tatsachen vor Ihre Seele.
Cite:
GA 175/1917-03-27/p022 · edition original