{"corpus":"steiner","locus":"GA 175/1917-03-27/p030","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wer die wirkliche Geschichte Europas seit der Entstehung des Christentums studiert und sich nicht begnügt mit jener Fable convenue, welche in so entsetzlicher Weise heute als Geschichte gelehrt wird und von vielem Unheil die geheime Schuld ist, wer einen Sinn hat für das wirkliche Studium der Geschichte, wer den Mut hat, in genügend starker Weise jene entsetzliche Fable convenue, die man heute Geschichte nennt, von sich zu weisen, der wird gerade mit Bezug auf die Entwikkelung des Christentums eben zu einer Empfindung kommen, die ein Leitmotiv im Suchen der Gegenwart sein kann. Er wird nämlich finden, daß nichts so viele Hemmnisse, nichts so viele Verdunklungen und Entstellungen erfahren hat, als die Entwickelung des Christentums. Nichts ist so schwierig geworden als das, daß sich das Christentum fortgepflanzt hat. Und daraus entsteht dann die weitere Empfindung, daß es überhaupt, wenn man von Wundern sprechen will, kein größeres Wunder gibt als dieses, daß das Christentum sich erhalten hat, daß das Christentum da ist. Aber es ist nicht bloß da, sondern wir leben heute in einer Zeit, wo sich dieses Christentum zwar durchzusetzen haben wird auch gegen die Abschaffung der Seele, nicht nur gegen die Abschaffung des Geistes, wo es sich aber durchsetzen wird! Denn gerade zur Zeit des größten Widerstandes wird das Christentum seine größte Kraft entwickeln! Und in dem Widerstande, der entwickelt werden muß gegen die Abschaffung der Seele, wird auch die Kraft gefunden werden, den Geist wieder zu erkennen. Wenn aus dem Geiste - verzeihen Sie jetzt die uneigentliche Anwendung des Wortes -, wenn aus dem Geiste, der die Gegenwart beherrscht, jene Gesetze entstehen werden, wodurch diejenigen Menschen, welche die Seele als etwas Wirkliches ansehen, für nicht vollsinnig erklärt werden — natürlich werden die Gesetze nicht so lauten, daß derjenige für nicht vollsinnig erklärt wird, der die Seele anerkennt, aber sie werden so sein, daß unter der brutalen naturwissenschaftlichen Weltanschauung solches stattfindet -, wenn dieser moderne verwandelte, metamorphosierte Konzilsbeschluß da sein wird, dann wird auch die Zeit da sein, dem Geiste wiederum sein Recht zu verschaffen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Achter Vortrag","site_heading":null,"date":"1917-03-27","location":null,"word_count":335,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/175/1917-03-27/p030","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/175/1917-03-27/p030"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/175/1917-03-27/p030","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}