Zehnter Vortrag
Ich möchte heute zunächst darauf hinweisen, daß man in unserer Zeit sehr leicht das Wesen des Mysteriums von Golgatha verkennen kann, insofern als man nicht leicht aufmerksam darauf wird, wie schwierig es der gewöhnlichen Erkenntnis, die man heute sucht, überhaupt wird, ein Verhältnis, ein tieferes Verhältnis zu diesem Mysterium von Golgatha zu gewinnen. Man kann zum Beispiel sehr leicht glauben: Vertiefst du dich mystisch, suchst du ein mystisches Innenleben, den Gott in deinem Innern, so findest du den Christus. Die meisten Menschen, die in unserer Gegenwart und schon seit längerer Zeit so sprechen, finden auf diesem Wege den Christus nicht. Man findet nicht den Christus, wenn man etwa wie manche, die sich Theosophen nennen, sagt, man müsse in seinem eigenen Innern gewahren das mit diesem eigenen Innern verbundene Göttliche, dann ginge der Christus in dem Menschen auf. Das ist nicht der Fall. Dasjenige, was dann höchstens aufgehen kann, was im Innern gewissermaßen als ein inneres Licht erscheinen kann, das kann niemals, richtig verstanden, der Christus genannt werden, sondern das könnte nur ein göttliches Wesen im allgemeinen genannt werden. Und nur weil man sich heute nicht gewöhnt, auch nur theoretisch die Dinge zu unterscheiden, glauben manche Mystiker, durch das, was man gewöhnlich Mystik nennt, durch die gewissermaßen sich selbst überlassene Mystik, zu dem Christus kommen zu können. Das ist nicht der Fall. Und es ist wichtig, einmal dies vor seine Seele hinzustellen, ebenso wie es wichtig ist, darauf zu achten, daß ja auch die Philosophien des abgelaufenen Zeitraumes des neunzehnten Jahrhunderts bis in unsere Zeit herein, als Teile von sich, Religionsphilosophien erzeugt haben, und daß diese Philosophien gar oftmals glauben, vom Christus reden zu können. In Wahrheit können sie nichts anderes finden — und man findet auch in diesen Philosophien nichts anderes — als dasjenige, was ein göttliches Wesen im allgemeinen, aber nicht der Christus genannt werden kann. Nehmen Sie selbst einen Philosophen, der nach einer gewissen Vertiefung gesucht hat, wie Lotze. Lesen Sie seine Religionsphilosophie und Sie werden finden: er spricht von einem göttlichen Wesen im allgemeinen, aber er spricht nicht so, daß er dieses göttliche Wesen, von dem er denkt, sinnt, mit dem Christus-Namen bezeichnen könnte. — Noch weniger kann man auf den Wegen, die durch solche Mystik, durch solche Philosophie gesucht werden, das Wesen des Mysteriums von Golgatha finden. Wir wollen uns, um dies näher einzusehen, einmal einige Eigenschaften der Vorstellungen vom Mysterium von Golgatha vor die Seele führen. Ich möchte sagen, zunächst wie bloße Behauptungen wollen wir uns diese Vorstellungen des Mysteriums von Golgatha vor die Seele führen.
Cite:
GA 175/1917-04-10/p003 · edition original