Zehnter Vortrag
Ich habe schon bei früheren Besprechungen der Evangelien hingewiesen auf jene bedeutsame Stelle, wo es sich handelt um die Heilung, oder man könnte sie auch eine Erweckung nennen, des zwölfjährigen Töchterchens des Jairus. Wir reden ja hier unter Erwachsenen, daher kann ich diese, ich möchte sagen, tiefere medizinisch-okkulte Erkenntnis, die sich an diese Erweckung für den, der geisteswissenschaftlich in sie eindringt, ergibt, anführen. Zwölfjährig ist das Töchterchen. Der Christus Jesus naht sich ihr — Sie können die näheren Umstände ja in den Evangelien lesen —, um sie, die schon für tot gehalten wird, zu heilen. Es ist merkwürdig, daß man gerade bei solchen Dingen niemals zu einem Verständnis kommen kann, wenn man solch eine Stelle nicht prüft nach dem, was vorhergeht, und auch nach dem, was nachfolgt. Man reißt gerade beim Evangelium gern zu stark die einzelnen Partien heraus, liest immer das oder jenes, aber sie hängen miteinander zusammen. Unmittelbar vorher — Sie werden sich erinnern - steht in den Evangelien jene Stelle, da der Christus eben sich hinbegibt, gerufen zu dem zwölfjährigen Töchterchen des Jairus, wo er berührt wird, sein Mantel berührt wird von dem sogenannten blutflüssigen Weibe, von der Frau, die zwölf Jahre den Blutfluß hatte. Sie berührt sein Kleid. Was geschieht? Sie wird geheilt. Er fühlt, daß eine Kraft von ihm ausströmt. Das Wort fällt wiederum, das man nur versteht, wenn man die vorher eben angeführte Glaubensvorstellung richtig versteht: Dein Vertrauen, dein Glaube hat dich gesund gemacht. — Nun ist tiefsinnig an dieser Stelle des Evangeliums gesagt: Zwölf Jahre hatte sie die Krankheit; und das Töchterchen ist zwölf Jahre alt, lebte zwölf Jahre hier auf der physischen Erde. Was hatte das Töchterchen des Jairus nicht, was fehlte ihr? Sie kann nicht reif werden, sie kann nicht zur Reife gelangen; sie kann . zu dem nicht gelangen, was die Frau zwölf Jahre zu viel hatte. Und indem er die Frau heilt, die zwölf Jahre das zu viel hat, fühlt er die Kraft von sich ausströmen. Die überträgt er nun, indem er hingeht, auf das zwölfjährige Töchterchen, gibt ihr die Möglichkeit, reif zu werden, das heißt, weckt in ihr die Kraft auf, ohne die sie hinwelken müßte, und erweckt sie gewissermaßen dadurch zum Leben. Was liegt da vor? Es liegt nichts Geringeres vor, als daß der Christus mit seiner ganzen substantiellen Wesenheit nicht in sich lebt, sondern in seiner ganzen Umgebung lebt, und die Kräfte von einer Person auf die andere zu übertragen vermag; daß er die Kräfte, in denen er selbstlos nach außen hin lebt, von einer Person auf die andere hinüber verwandelt. Das liegt da vor. Er kann aus sich herausgehen, tätig aus sich herausgehen. Das liegt in der Kraft, die er gerade verspürt, wie sie in ihm entsteht, als das Weib seinen Mantel berührt und das große Vertrauen hat.
Cite:
GA 175/1917-04-10/p008 · edition original