Zehnter Vortrag

GA 175/1917-04-10/p016 ·1917-04-10 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Ein weiteres, was man nun verstehen muß, ist: Was lag denn eigentlich in dem Willen des Christus? Es pulsiert das schon durch die Evangelien hindurch, was in dem Willen des Christus Jesus liegt, aber man muß es nur mit allem tiefen, tiefsten Ernste wirklich fühlen. Sie wissen, wir haben die vier Evangelien. Jedes dieser vier Evangelien enthält trotz allen scheinbaren Widersprüchen einen gewissen Grundstock von Tatsachen und Wahrheiten, die durch den Christus Jesus getan oder verkündet worden sind, aber es enthält jedes Evangelium, ich möchte sagen, eingegossen diesen Grundstock in eine ganz bestimmte Stimmung. Und da kommt wirklich das in Betracht, was ich Ihnen angeführt habe, als ich Sie auf Richard Rothe hinwies. Da kommt in Betracht, daß man die Evangelien anders lesen muß, als man das heute tut: daß man sie lesen muß mit jenem Hauche, der sie durchzieht, mit jener eigentümlichen Stimmung, die in ihnen waltet. Man liest allerdings die Evangelien heute so, daß man hineinträumt dasjenige, was man als so ein allgemeines menschliches Ideal ansieht. In der Zeit der Aufklärung hat man einen aufgeklärten Menschen in dem Christus Jesus gesehen; aus protestantenvereinlerischen Strömungen ist ein Jesus-Bild hervorgegangen, wo Jesus ein richtiger Protestanten-Vereinler des neunzehnten Jahrhunderts ist; Ernst Haeckel hat es sogar zustande gebracht, aus dem Jesus einen richtigen Monisten seiner Sorte zu machen. Das sind Dinge, über die die Menschheit wird hinauskommen müssen. Das, worum es sich handelt, ist, wirklich mit der Atmosphäre der Zeit richtig zu fühlen, was in den Evangelien gelegen ist. Aber das muß mehr oder weniger empfunden werden.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/175/1917-04-10/p016.json
Cite: GA 175/1917-04-10/p016 · edition original