Zehnter Vortrag

GA 175/1917-04-10/p018 ·1917-04-10 · original (original)
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Und das Markus-Evangelium? Das Markus-Evangelium ist für Römer geschrieben, gegen dasjenige, was im äußeren Römischen Reiche, im Reiche der Welt, sich herausgebildet hatte. Es ist gegen die Gesetzesordnung des Römischen Reiches, gegen die soziale Ordnung des Römischen Reiches geschrieben; es ist eine Gegenschrift gegen das Römische Reich. Jene Juden wußten ganz gut, was sie meinten, oder eigentlich, besser gesagt, was sie fühlten, die da sagten: Wir müssen ihn töten, denn sonst wird das ganze Volk sein Anhänger, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Reich. — Gegen das Judentum, gegen das Römertum sind Matthäus- und Markus-Evangelium geschrieben. Richtige opponierende Schriften ernstester Art, nicht gegen das Judentum seinem Wesen nach, selbstverständlich, auch nicht gegen das Römertum seinem Wesen nach, sondern gegen dasjenige, was Judentum und Römertum äußerlich geworden sind, was sie als Reiche der Welt gegenüber dem Reiche der Himmel oder des Gottes in der damaligen Zeit waren. Man nimmt diese Dinge allerdings auch in unserer Zeit, wie ähnliche Dinge, wahrhaftig nicht mit jenem Ernste, mit dem sie genommen werden wollen; man weiß es gar nicht einmal, daß man sie nicht mit dem Ernste nimmt, mit dem sie genommen werden wollen. Der Zar, der jetzt abgesetzt worden ist, schrieb wenige Jahre vor dem Krieg auf einen seiner Erlasse die folgenden eigenhändigen Worte: Riesen des Gedankens und der Tat werden erscheinen, ich vertraue fest darauf, und werden das Heil und die Wohlfahrt Rußlands bringen! Denken Sie, wenn das gekommen wäre, auf das der Zar fest vertraut hat: Riesen des Gedankens und der Tat - in die Peter-Pauls-Festung hätte er sie geschickt oder nach Sibirien, selbstverständlich! Das ist der Ernst, der heute hinter den Worten lebt. Aber mit diesem Ernste versteht man die Tiefen der Evangelien nicht.

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Cite: GA 175/1917-04-10/p018 · edition original