Zehnter Vortrag
Sehen Sie, da gibt es eine sehr schöne Stelle bei dem Kirchenschriftsteller Tertullian, um die Wende des zweiten, dritten Jahrhunderts, zwei, drei Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha. Er sagt, er hätte selber noch gesehen die Lehrstühle der Apostel, wo deren Nachfolger an den verschiedenen Orten vorgelesen haben aus den Briefen der Apostel, die noch in der eigenen Handschrift der Apostel waren. ‘Und indem sie vorgelesen wurden, sagt Tertullian, wurde lebendig die Stimme der Apostel. Und indem man die Briefe anschaute, wurden vor dem Geist lebendig die Gestalten der Apostel. - Wer diesen Dingen okkult nachforscht, für den ist das keine Phrase. Es saßen die Gläubigen vor diesen Lehrstühlen so, daß sie aus dem Timbre der Stimme der Nachfolger der Apostel den Klang der Stimme der Apostel heraushörten, und daß sie aus der Handschrift sich Vorstellungen machen konnten über die Gestalten der Apostel. So daß man noch, als das dritte Jahrhundert begann, auch ganz äußerlich lebendig machen konnte die Gestalten der Apostel und in übertragener Bedeutung ihre Stimmen hören konnte. Und noch Clemens I., der römische Papst, der von 92 bis 101 den päpstlichen Stuhl innehatte, der kannte selber noch Apostelschüler, kannte solche, die den Christus Jesus noch gesehen haben. Wir haben schon eine fortlaufende Tradition in dieser Zeit! Und durch diese Stelle klingt etwas durch, was man wiederum okkult nachprüfen kann. Diejenigen, die als Apostelschüler die Apostel anhörten, hörten aus dem Klang der Worte die Art heraus, wie der Ton war, in dem der Christus Jesus sprach. Und das ist etwas ungeheuer Bedeutsames. Denn man muß vor allen Dingen reflektieren auf diesen Klang, auf dieses ganze eigentümliche Wesen, das in dem Sprechen des Christus Jesus war, wenn man einsehen will, warum die Zuhörer davon sagten, daß eine besondere Zauberkraft seinen Worten innewohnte. Es war etwas wie elementare Gewalt, was die Zuhörer ergriff, etwas von einer so elementaren Gewalt der Worte, wie das sonst nicht der Fall war bei irgendeinem anderen. Aber warum das? Warum denn eigentlich das?
Cite:
GA 175/1917-04-10/p029 · edition original