Zehnter Vortrag

GA 175/1917-04-10/p033 ·1917-04-10 · original (original)
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Aber man versteht nicht die ganze Bedeutung der Tatsache, wenn man sich das Gedächtnis der Menschen, die in jener Zeit, um das Mysterium von Golgatha herum, gelebt haben, so vorstellt, wie jenes Seelensieb, das man heute Gedächtnis nennt. Diejenigen, die da hörten die Worte des Christus Jesus, die bewahrten sie treulich im Herzen und wußten sie wortwörtlich. Denn die Gedächtniskraft war in jener Zeit eine ganz, ganz andere als heute; dafür war aber auch die Kraft der Seele eine ganz andere. Aber es war überhaupt eine Zeit, in der in kurzem große Wandlungen vor sich gegangen sind. Das beachtet man heute nicht. Nicht wahr, man beachtet heute überhaupt nicht: Die morgenländische Geschichte wurde ja schon so geschrieben, daß die Menschen dasjenige in sie hineingesehen haben, was sie entweder heute auch haben, oder was sie höchstens aus der griechischen Geschichte übernommen haben. Die griechische Geschichte verlief schon so, daß sie mit der jüdischen Geschichte eine große Ähnlichkeit hatte; aber die morgenländische Geschichte verlief ganz anders, das heißt in der morgenländischen Zeit waren die Fähigkeiten der Seele ganz andere. Und so macht man sich gar keine Vorstellung davon, wie in kurzer Zeit gewaltige Änderungen vor sich gegangen sind, wie jene Riesenkraft des Gedächtnisses, die dazumal die Menschen hatten in diesem Dämmerzustand des alten atavistischen Hellsehens, verhältnismäßig schnell verlorengegangen ist, so daß dann die Notwendigkeit an die Menschen herantrat, die Jesus-Worte aufzuschreiben. Damit wurden diese Jesus-Worte demselben Schicksal überliefert, das der Christus Jesus bei den Schriftgelehrten fand, gegen die er sich auflehnte. Und ich überlasse es Ihnen, nachzudenken, was geschehen würde, wenn irgendein, dem Christus Jesus irgendwie nur von ferne ähnelnder Schüler heute auftreten würde, und würde mit demselben Impuls sprechen, mit dem der Christus Jesus in der damaligen Zeit gesprochen hat. Ob digjenigen, die sich heute Christen nennen, sich anders als die damaligen Hohenpriester benehmen würden, darüber nachzudenken überlasse ich Ihnen.

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