Zehnter Vortrag
Seele: Ich versuchte Sie hinzuführen zu dem Seelischen, indem ich Sie auf Aristoteles hinwies. Wenn man es mit dem Seelischen zu tun hat, dann muß man sogar sich klar sein darüber, daß die Vorstellungen des Aristoteles nicht so ganz falsche sind. Denn das Seelische, das, was man Seelisches nennen kann, entsteht in der Tat mehr oder weniger mit jedem einzelnen Menschen. Nur lebt Aristoteles in einer Zeit, in der er schon nicht mehr vollständig einsehen kann, welchen Zusammenhang die Seele mit dem Kosmos hat. Daher sagt er: Indem ein Mensch gezeugt wird, entsteht mit dem physischen auch das seelische Dasein. Er vertritt dasjenige, was man Kreatianismus nennen kann, aber er läßt die Seele nach dem Tode weiterleben in unbestimmter Art. Darüber spricht sich Aristoteles nicht weiter aus, denn die Seelenerkenntnis war in seiner Zeit schon getrübt. Wie dieses Seelische weiterlebt nach dem Tode, das hängt in der Tat mit dem zusammen, was man nun mehr oder weniger symbolisch - oder wie man es nennen will, auf diese Dinge kommt es ja so ganz und gar nicht an — die Erbsünde nennt. Denn das hat wirklich gewirkt auf das Seelische, was man die Erbsünde nennt. Und das hat bewirkt, daß um die Zeit, in der das Mysterium von Golgatha eintrat, die Seelen der Menschen in Gefahr waren, so weit korrumpiert waren, daß sie den Weg in die Reiche der Himmel nicht zurückfinden konnten, daß sie verbunden waren mit dem Erdensein, beziehungsweise mit dem, was mit dem Erdensein wird. Also dieses Seelische geht eigene Wege. Wir werden sie weiter charakterisieren in diesen Vorträgen.
Cite:
GA 175/1917-04-10/p036 · edition original