Zehnter Vortrag

GA 175/1917-04-10/p046 ·1917-04-10 · original (original)
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Sehen Sie, der Mensch betrachtet heute nach seiner Erziehung die Natur. Sie verläuft nach ihren natürlichen Gesetzen. Man denkt nach diesen natürlichen Gesetzen über Erdenanfang, Erdenmitte, Erdenende. Man betrachtet alles nach diesen natürlichen Gesetzen. Daneben hat man die moralische Weltordnung. Gewiß, man fühlt sich - gerade Kantianer tun das zum Beispiel - dem kategorischen Imperativ unterworfen: man fühlt sich verbunden der moralischen Weltordnung. Aber denken Sie, wie schwach schon in unserer Zeit geworden ist der Gedanke, die Vorstellung, daß diese moralische Weltordnung eine objektive Realität für sich hat, wie die Natur. Nicht wahr, selbst der Haeckel, selbst der Arrhenius und so weiter, wenn sie noch so sehr Materialisten sind, sie denken: Gewiß, die Erde, sie geht einem Vereisungsprozeß oder einem ähnlichen Prozeß oder einer Entropie entgegen, oder wie man es heißen will. Aber sie denken: die kleinen Götzen, die sie Atome nennen, die werden auseinandertreiben, doch die erhalten sich wenigstens. Also auch die Erhaltung der Materie, des Stoffes! Da ist es ja so ziemlich in Ordnung bei der gegenwärtigen Weltanschauung. Aber es lassen diese Vorstellungen über den Stoff die Erwägung nicht zu: Wenn die Erde einmal vereist ist oder bei der Entropie angelangt sein wird, was wird dann mit der moralischen Weltordnung? Im ganzen so gedachten Erdensein hat sie keinen Platz! Wenn das physische Menschengeschlecht einmal verschwunden ist, wo ist dann die ganze moralische Weltordnung? Das heißt: Die moralischen Vorstellungen, an die man sich gebunden fühlt, zu denen das Gewissen sich hindrängt, den Menschen hindrängt, diese moralischen Vorstellungen erscheinen gewiß notwendig; aber mit der Naturordnung, mit dem, was real notwendig, von der Naturanschauung notwendig genannt wird, hat es keinen Zusammenhang, wenn man ganz ehrlich ist! Sie sind schwach geworden, die Vorstellungen. Sie sind so stark, daß man seine Taten danach einrichtet; so stark sind sie, daß man sich an diese Vorstellungen durch sein Gewissen gebunden fühlt; aber sie sind nicht so stark, daß man denken könnte: Was du heute dir ausdenkst über irgendeine Moralidee, das ist ein real Wirksames! Dazu braucht es etwas, damit das real wirksam sein kann. Wo ist das, was dasjenige, was in unserer moralischen Idee lebt, real wirksam macht? Das ist der Christus — das ist der Christus! Das ist eine Seite des Christus-Wesens!

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Cite: GA 175/1917-04-10/p046 · edition original