Zehnter Vortrag

GA 175/1917-04-10/p049 ·1917-04-10 · original (original)
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Aber wie kann das sein? Wie kann dasjenige, was nur im Gedanken lebt nach den naturalistischen Vorstellungen, was nur eine Vorstellung ist, zu der man sich moralisch verbunden fühlt, wie kann das umgesetzt werden in solche Realität, wie diejenige ist, die in der Steinkohle brennt oder mit der Flintenkugel in die Luft fliegt? Wie kann das eine dichte Vorstellung sein, was so dünn ist als moralische Vorstellung? Dazu braucht es eines Impulses. Es muß ergriffen werden diese moralische Vorstellung von einem Impulse. Wo ist er, dieser Impuls? Jetzt erinnern Sie sich an das, was wir vorher gesagt haben: Der Glaube soll nicht bloß ein Surrogat des Wissens sein; der Glaube soll etwas wirken. Das, was er wirken soll, ist: er soll unsere moralischen Vorstellungen real machen. Er soll sie hinübertragen und eine neue Welt daraus bilden. Darauf kommt es an, daß die Glaubensvorstellungen nicht bloß ein unbewiesenes Wissen sind, etwas, was man glaubt, weil man es nicht weiß, sondern darauf kommt es an, daß in dem, was man glaubt, die Kraft liegt, welche imstande ist, den Keim «Moral» zum Weltenkörper zu realisieren. Diese Kraft mußte durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwickelung hereingetragen werden. Diese Kraft mußte in die Seele der Jünger hereingesenkt werden, indem ihnen gesprochen wurde von dem, was diejenigen nicht mehr hatten, die nur die Schrift hatten. Auf die Kraft des Glaubens kommt es an. Und wenn man nicht versteht, was der Christus hereinbringt, gerade indem das Wort «Vertrauen», «Glaube» so oftmals ausgesprochen wird, versteht man nicht, was in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha eintrat, in die Erdenentwickelung hereinkam.

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Cite: GA 175/1917-04-10/p049 · edition original