Elfter Vortrag

GA 175/1917-04-12/p027 ·1917-04-12 · original (original)
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Heute denkt man, mit der Zuchtrute des Hohnes, mit der Zuchtrute der Verspottung oder, wie man es oftmals nennt, der Zuchtrute der Kritik, zu begegnen demjenigen, der versucht, aus den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen die Wahrheit zu sagen. Im sechsten Zeitraum wird man anfangen, diese Leute zu heilen - zu heilen! Das heißt, man wird bis dahin Arzneien erfunden haben, die man denen zwangsgemäß beibringen wird, welche davon reden, daß es eine Norm des Guten und des Bösen gibt, daß Gut und Böse etwas anderes ist als Menschensatzung. Es wird eine Zeit kommen, da wird man sagen: Wie redet ihr von Gut und Böse? Gut und Böse, das macht der Staat. Was in den Gesetzen steht, daß es gut ist, das ist gut; was in den Gesetzen: steht, daß es unterlassen werden soll, das ist böse. Wenn ihr davon redet, daß es ein moralisches Gut und Böse gibt, so seid ihr krank! — Und man gibt ihnen Arzneien, und man wird die Leute kurieren. Das ist die Tendenz. Das ist keine Übertreibung, das ist nur das Fenster, durch das ich Sie blicken lassen möchte. Dahin geht der Lauf der Zeit. Und was im siebenten nachatlantischen Zeitraum folgen würde - durch dieses Fenster will ich Sie vorläufig nicht blicken lassen. Aber wahr ist es. Kommen wird eine Zeit, denn das läßt sich ja nicht zurückschrauben, was in der Menschennatur ist, es wird schon auf eine solche Weise allmählich zum Ausdruck kommen, daß man nach den Begriffen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung die Menschen wird für krank ansehen können, und die notwendige Heilung wird herbeizuführen versuchen. Das ist nicht eine Phantasie. Gerade die allernüchternste Betrachtung der Wirklichkeit, die gibt das, von dem da gesprochen wird. Und wer nur Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der sieht überall die Anfänge dazu.

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Cite: GA 175/1917-04-12/p027 · edition original