Zwölfter Vortrag
Es liegt etwas Instinktives in der Tatsache, wie man in den Schulen römische Geschichte lehrt, und wie die Historiker, die ja die Fable convenue schreiben, welche man gegenwärtig Geschichte nennt, der Menschheit das Bewußtsein von dem Imperium Romanum beibringen, so daß der Geist, der darinnen waltet, gerade von den Gelehrtesten ausgeschaltet wird. Dadurch aber wird ein Sicheres erreicht, meine lieben Freunde. Dadurch wird das sicher erreicht, daß zum allgemeinen Bewußtsein der Menschheit die ganze Tragweite des historischen Augenblicks nicht kommt, in dem das Kreuz auf Golgatha aufgerichtet worden ist. Zu verdecken suchte man, wenn auch instinktiv, die ganze Bedeutung der Ereignisse, die sich abgespielt haben. Denn wenig ist vorhanden von dem Mute, der dazu gehört, von der äußeren Schale ins Innere auch der Geschichte zu dringen. Und wir sehen ja, es gibt Leute, die ein großes Publikum finden, welche sogar Goethe fälschen, um bei den Menschen die Meinung hervorzurufen, auch Goethes Anschauung wäre dazu geeignet, die Geschichte so zu betrachten, als ob sie nur eine äußere Schale sei. Dasjenige, was so wirkt, wirkt aber in den breiten Impulsen des menschlichen Seelenlebens, und es ist ja nicht bloß darum zu tun, daß man zu keiner richtigen Betrachtung dieses oder jenes Punktes kommt, sondern das ganze Leben ist gewissermaßen davon beeinflußt, entwickelt eine solche Tendenz. Ein solcher Impuls waltet, das ganze Leben ist beeinflußt von diesem Impulse, läuft sozusagen in der Richtung dieses Impulses. Daher bleiben Menschen wie Goethe Prediger in der Wüste, werden noch dazu verleumdet, indem man ihnen die entgegengesetzte Erkenntnisgesinnung andichtet.
Cite:
GA 175/1917-04-14/p029 · edition original