Fünfter Vortrag
Ich habe Sie auf einen Mann hingewiesen, der in der letzten Zeit gestorben ist, und an den ich hier und in anderen Betrachtungen verschiedenes anzuknüpfen versucht habe zur Charakteristik unserer Zeit. Auch heute will ich wiederum an diesen Mann anknüpfen; ich meine an Franz Brentano, den kürzlich in Zürich verstorbenen Philosophen, der aber wirklich nicht im engeren Sinn ein Schulphilosoph war, sondern der demjenigen, der ihm nähertritt, auch nur geistig nähertritt, so recht als der Repräsentant ringender Menschheit der Gegenwart, man könnte sagen, mit den Welträtseln ringender Menschen der Gegenwart erscheinen muß. Man kann auch nicht einmal sagen, daß Brentano einseitig Philosoph war, sondern als Philosoph wirklich umfassendes Menschen wesentliches zum Ausdruck brachte. Nun, es sind kaum irgendwelche den Menschen berührende Rätselfragen, tiefere Rätselfragen, an deren Lösung Franz Brentano sich nicht versucht haben würde. Man könnte sagen: Der ganze Umfang menschlicher Weltanschauung war es, der ihn interessiert hat. Weniges ist veröffentlicht, weil er mit Bezug auf all das, was er hat drucken lassen, eigentlich recht zurückhaltend war. Es soll ein großer Nachlaß da sein, der wird ja zeigen, was Franz Brentano von seinem Streben und Ringen niedergeschrieben hat. Allein für denjenigen, der gewissermaßen Begabung hatte, nicht nur das in Franz Brentanos Seele zu sehen, was er in seinen Worten ausdrückte, sondern was da rang und strebte, für den wird durch die Veröffentlichung des Nachlasses vielleicht nicht einmal so besonders viel Neues zutage treten.
Cite:
GA 176/1917-07-03/p004 · edition original