Fünfter Vortrag

GA 176/1917-07-03/p005 ·1917-07-03 · original (original)
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Nun möchte ich versuchen, ich möchte sagen, in unserer problematischen Zeit das Problematische gerade einer großen Persönlichkeit, wie Franz Brentano eine war, einmal vor Ihre Seele hinzustellen. Franz Brentano war ja allerdings nicht ein Philosoph nach dem Zuschnitt der gegenwärtigen Philosophen, sondern er war, was die gegenwärtigen Philosophen eben gar nicht sind, erstens ein wirklicher Denker, und ein Denker, der sich mit seinem Denken nicht stellen wollte, ich möchte sagen, ins Blaue hinein, sondern der sich mit seinem Denken stellen wollte auf den guten Boden der Gedankenentwickelung der Menschheit. Daher war eine der ersten Publikationen des Franz Brentano das Buch über die Psychologie, die Seelenlehre des Aristoteles, namentlich über den Begriff des sogenannten «noûs poëtikós» bei Aristoteles. Dieses Buch, das jetzt lange schon vergriffen ist, ist, ich möchte sagen, eine Prachtleistung des Denkens der weiteren Gegenwart. Es zeigt vor allen Dingen, daß Brentano ein Mensch war, der eben wirklich noch denken konnte, wenn man unter Denken versteht die Ausgestaltung wirklicher Begriffe, das Bilden von wirklichen Begriffen. Insbesondere der zweite Teil dieses Buches über die Seelenkunde des Aristoteles zeigt uns Franz Brentano in einem Denkprozeß drinnen von einer Feinheit, von einer Ausgestaltetheit, die man jetzt überhaupt nicht mehr, und in der Zeit, in der das Buch geschrieben worden ist, sehr selten, findet. Denn das Bedeutsame ist, daß Franz Brentanos Begriffe noch stark genug waren, das Seelische, ich möchte sagen, wirklich einzufangen, das Seelische wirklich zu bezeichnen. Heute haben die Menschen, wenn sie von dem Seelischen reden, zum großen Teil nur noch Worthülsen, nicht wirkliche Ideen, nicht wirkliche Begriffe. Worthülsen, die man eben halten kann aus dem Grunde, weil sie sich in dem geschichtlichen Sprechprozeß ergeben haben, bei denen man auch glaubt, daß man bei den Worten auch etwas denkt; aber man denkt in Wirklichkeit nichts bei den Worten.

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