Fünfter Vortrag

GA 176/1917-07-03/p009 ·1917-07-03 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun möchte ich auf zwei Punkte aufmerksam machen, die Rätsel darstellen, nach denen Brentano rang, die aber zugleich Rätsel darstellen, nach denen im Grunde genommen jeder denkende Mensch heute bewußt ringen muß, nach denen die ganze Menschheit - insofern sie nicht ein tierisch stumpfes Dasein lebt — ringt, aber unbewußt; unbewußt, indem sie sich entweder abmüht, nach der einen oder anderen Richtung die Lösungen dieser Rätsel scheinbar zu finden, oder aber indem sie mehr oder weniger seelisch krankt an dem Unvermögen, irgend etwas nach den Richtungen hin, die durch diese Rätsel vorgezeichnet sind, zu erreichen. Franz Brentano dachte nach, forschte nach über die menschliche Seele. Nun, wenn man so, wie die Wissenschaft es tut, über die menschliche Seele nachforscht und dadurch von der menschlichen Seele aus den Weg zum Geiste findet, dann kann man bei dem Selbstverständlichsten bleiben und die Betätigungen der menschlichen Seele dreigliedrig auffassen als Denken oder Vorstellen, Fühlen und Wollen; denn das sind in der Tat die drei Glieder des menschlichen Seelenlebens: Denken, Fühlen und Wollen. Aber man kann erst dann zu irgendeiner Befriedigung kommen in bezug auf Denken, Fühlen und Wollen in der menschlichen Seele, wenn man durch Geisteswissenschaft den Weg in die geistige Wirklichkeit hineinfindet, mit der die Menschenseele zusammenhängt. Wenn man diesen Weg nicht findet - und Franz Brentano konnte ihn ja nicht finden -, dann fühlt man sich ja gewissermaßen in der Seele mit dem Denken, Fühlen und Wollen ganz vereinsamt. Das Denken kann im besten Falle Abbilder einer äußeren, rein räumlichen, stofflichen Wirklichkeit geben, das Fühlen kann im besten Falle Mißfallen oder Gefallen an demjenigen geben, was sich in der räumlichen physischen Wirklichkeit abspielt, und das Wollen kann eine Befriedigung des physischen Menschen sein, seiner Lust, seiner Unlust. Aber man steht durch Denken, Fühlen und Wollen in keinem Zusammenhang mit einer Realität, mit einer Wirklichkeit, in der sich der Mensch gewissermaßen geborgen fühlen kann. Daher sagte sich Franz Brentano: Für die Betrachtung des menschlichen Seelenlebens gibt mir eigentlich die Gliederung der Seele in Denken, Fühlen und Wollen, Vorstellen, Fühlen und Wollen, nichts, Ich bleibe ja innerhalb der Seele mit dem Denken, Fühlen und Wollen. — Daher gliedert er das Seelenleben anders. Und es ist charakteristisch, wie er es gliedert. Er unterscheidet auch eine Dreiteilung des Seelenlebens, aber nicht die nach Vorstellen, Fühlen und Wollen, sondern er unterscheidet Vorstellen, Urteilen und die innere Welt der Gemütsbewegungen. So daß also nach Brentano das Seelenleben zerfällt in Vorstellen, Urteilen und in die Welt der Gemütsbewegungen. Das Vorstellen führt uns zunächst über die Seele nicht hinaus. Wenn wir irgend etwas vorstellen, so ist das Vorgestellte in unserer Seele. Wir glauben auch, es beziehe sich auf etwas, aber es ist gewissermaßen nicht ausgemacht, ob sich das Vorgestellte auf etwas bezieht. Insofern wir im Vorstellen bleiben, ist das Phantasiegebilde ganz ebenso eine Vorstellung wie dasjenige, was sich auf die Wirklichkeit bezieht. Auch wenn ich Vorstellungen miteinander verknüpfe, so ist damit nicht ausgemacht, daß ich in der Welt der Wirklichkeit bin. Der Baum ist eine Vorstellung, grün ist eine Vorstellung. «Der Baum ist grün» verknüpft zwei Vorstellungen. Aber damit ist nicht ausgemacht, wenn ich vorstelle «der Baum ist grün», daß ich in einer Wirklichkeit stehe, denn dieser grüne Baum könnte auch meine Phantasievorstellung sein. In der Wirklichkeit stehe ich erst, sagte sich Brentano, wenn ich urteile; und eigentlich urteile ich schon, nur maskiert, wenn ich in solcher Weise Vorstellungen verknüpfe, wie: der Baum ist grün. Denn ich meine damit nicht, daß ich bloß die Vorstellungen Baum und grün miteinander verknüpfe, sondern ich meine eigentlich: es gibt einen grünen Baum. Da gehe ich aber über zur Existenz, da bleibe ich nicht innerhalb meiner Vorstellung stehen. Es ist ein Unterschied zwischen dem Bewußtsein: der Baum ist grün, und dem Bewußtsein: es ist ein grüner Baum. Das erste ist ein bloßes Vorstellen, das zweite ist etwas, dem in der Seele Anerkennen oder Verwerfen zugrunde liegt, so daß man im bloßen Vorstellen eben mit der Seele selbst beschäftigt ist. Im Urteilen hat man es zu tun mit einer Seelentätigkeit, die aber sich in Beziehung setzt zu der Umwelt, indem sie anerkennt oder verwirft. «Ein grüner Baum ist» ist nicht bloß die Anerkennung, daß ich ihn vorstelle, sondern daß er, abgesehen von meiner Vorstellung, da ist. «Ein Kentaur ist nicht» ist die Verwerfung der Vorstellung: halb Mensch, halb Tier; das ist Urteilen. Das ist die zweite Seelentätigkeit.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/176/1917-07-03/p009.json
Cite: GA 176/1917-07-03/p009 · edition original