Fünfter Vortrag
Bei dieser Gelegenheit gingen nun Brentano wirklich auf die zwei zunächst größten Rätsel des menschlichen Seelenlebens, das Rätsel nach der Wahrheit und das Rätsel nach dem Guten. Was ist wahr? Was ist gut? Denn ringt man nach der Berechtigung des Urteils, so muß man fragen: Woher kommt es, daß wir das eine anerkennen, das andere verwerfen? Was wir anerkennen, zählen wir zur Wahrheit, was wir verwerfen, zählen wir zur Unwahrheit. Da stecken wir drinnen in dem Problem, in dem Rätsel: Was ist überhaupt Wahrheit? -— Wenn wir nach den Gemütsbewegungen hinsehen, stecken wir drinnen in dem Rätsel des Guten und Bösen, oder Guten und Schlechten. Denn es ist ganz klar, daß in der Art von Anerkennung, die im Lieben liegt — wobei Lieben von Brentano gemeint ist als die Anerkennung, die wir einer Handlung, die wir gut nennen, zuteil werden lassen; Haß ist die Verwerfung einer Handlung, die wir böse nennen -, also in diesem Lieben und Hassen, diesen Gemütsbewegungen, liegt die Ethik, die Moral, liegt auch alles Recht. Die Frage nach dem Guten und Schlechten, die ging Brentano durch die Seele, als er vor diese seine Seele hinstellte das Wesen der menschlichen Gemütsbewegungen, des Liebens und des Hassens.
Cite:
GA 176/1917-07-03/p011 · edition original