Fünfter Vortrag
Nun ist es im höchsten Grade wirklich interessant, einen Menschen wie diesen Brentano zu verfolgen, wie er durch Jahrzehnte ringt, Antwort zu bekommen auf solch eine Frage: Woher die Berechtigung des Wahren und Falschen, des Anerkennens und Verwerfens im Urteil? — Sie können die publizierten Schriften des Franz Brentano durchgehen und die nicht publizierten, später herauskommenden werden sicherlich nichts anderes bringen —, Sie können überall finden, daß das einzige, was Brentano aufbringt zur Beantwortung der Frage: Was ist wahr? Was berechtigt also zur Anerkennung im Urteil? — das ist, was er die Evidenz des Urteils nennt, die Augenscheinlichkeit; natürlich, gemeint ist die innere Augenscheinlichkeit. Wenn ich gewissermaßen einen inneren seelischen Tatbestand, als der sich ja doch alles ausdrückt, was ich erfahren kann, mir so vor das Seelenauge führen kann, daß ich ihn voll durchschauen und ihm zustimmen oder ihn bei vollem Durchschauen verwerfen kann, mit anderen Worten, wenn ich innerlich sehend und nicht innerlich blind urteile, dann gibt mir das Wahrheit. Zu etwas anderem kommt Franz Brentano nicht. Und es ist gerade das Bedeutungsvolle, daß ein Mensch eben, der denken kann, was die anderen jetzt nicht können, durch Jahrzehnte danach ringt, eine Antwort auf die Frage zu finden: Was berechtigt mich, etwas als wahr oder als falsch anzuerkennen oder zu verwerfen? Die Evidenz, die innere Augenscheinlichkeit. — Dazu kommt er.
Cite:
GA 176/1917-07-03/p012 · edition original