Fünfter Vortrag
In der ersten Epoche des Lebens bis zum Zahnwechsel, bis zum siebenten Jahr, und in der zweiten Epoche bis zur Geschlechtsreife, da handeln wir wohl eigentlich vorzugsweise nur unter dem Einfluß von Trieben, von Affekten und dergleichen. Denn eigentlich werden wir erst mit der Geschlechtsreife fähig, Begriffe über Gut und Böse aufzunehmen. Man kann nun schon sagen, in dem Sinne hat Aristoteles recht, daß man ihm zugeben muß: Die Triebe zum Guten oder Schlechten, die wir schon in den ersten zwei Lebensperioden, also bis zum 14. Lebensjahr, in uns haben, die beherrschen uns eigentlich so ziemlich durch das ganze Leben hindurch, wir können sie modifizieren, unterdrücken, aber sie sind schon da, sie sind im ganzen Leben da. Es frägt sich nun bloß: Was hilft es, daß wir, wenn wir geschlechtsreif geworden sind, nun anfangen, sittliche Grundsätze zu begreifen, unsere Instinkte gleichsam zu rationalisieren, was hilft es? - Das hilft in zweifacher Beziehung; und hier betreten wir einen Boden, von dem Sie, wenn Sie in der richtigen Weise empfinden, gar bald einsehen werden, wie richtig und bedeutungsvoll sein Begreifen in der Gegenwart ist. Denken Sie das Folgende, ein Mensch sei durch erbliche Anlagen das, was man nennen könnte gut veranlagt, so daß man sieht, bis er ein geschlechtsreifer Mensch geworden ist, hat er aus dem Unbestimmten heraus eigentlich lauter gute Anlagen entwickelt. Er wird eigentlich ein ganz guter Mensch. Ich will jetzt nicht untersuchen, warum er ein guter Mensch geworden ist, sondern ich will nur auf die äußere Erscheinung hinlenken. Er ist geboren von zwei guten Eltern, hat gute Großeltern gehabt und so weiter; das hat sich alles so gemacht, daß er lauter gute Anlagen entwickelt, so daß er instinktiv das Gute tut. Aber nehmen wir an: Nach der Geschlechtsreife zeigt sich, daß er nun keine Lust hat, seine Instinkte für das Gute zu rationalisieren, sich Begriffe über diese Instinkte zu machen. Nehmen wir an, es ergebe sich diese Erscheinung durch irgendeine Veranlassung, die ich nicht weiter erörtern will. Also bis zum 14. Jahre hat er gute Instinkte entwickelt, aber nun zeigt er keine Lust, diese Instinkte in Begriffen auszudrücken. Er hat zwar Lust, das Gute zu tun, es liegt nicht in seiner Gewohnheit, ‚stark das Schlechte zu tun, er tut schon das Gute, aber wenn man ihn aufmerksam machen will: Das ist gut, das ist böse, so sagt er: Ich kümmere mich nicht darum, ob das gut oder böse ist. — Das läßt er bleiben. Er hat keine Lust, seine Instinkte zu rationalisieren, sie ins Intellektuelle zu übersetzen. Nun denken Sie sich, er ist geschlechtsreif, er bekommt Kinder — gleichgültig, ob er Mann oder Frau ist -, er bekommt Kinder. Die Kinder werden nun nicht die Instinkte haben, die er hat, wenn er diese Instinkte nicht in Begriffe umgewandelt hat, sondern die Kinder werden schon Unsicherheiten in den Instinkten aufweisen. Das ist das Bedeutsame. Also für sich konnte der betreffende Mensch mit seinen Instinkten auskommen, aber wirksame Instinkte wird er auf seine Kinder nicht übertragen können, wenn er sich nicht bewußt beschäftigt mit dem, was Gut und Böse ist. Und schon gar in das nächste Erdenleben wird er nicht hineintragen können irgendwelche Instinkte für Gut und Böse, wenn er sich im vorhergehenden Erdenleben nicht darauf eingelassen hat, sich Vorstellungen über das Gut und Böse zu machen. Es ist hier wirklich gerade so: Eine Pflanze kann ein hübsches Kraut werden. Wenn sie abgehalten wird vom Blühen, so wird keine weitere Pflanze aus ihr entstehen können. Als einzelne Pflanze, wie sie ist, kann sie ja irgendwie dienen; aber sie muß zum Blühen und Fruchttragen kommen, wenn eine neue Pflanze aus ihr entstehen soll. So kann der Mensch mit Trieben und Instinkten für sich selber ausreichen; aber er versündigt sich an der physischen und geistigen Nachwelt, wenn er bei dem bloßen Instinkte bleibt. Sehen Sie, hier wird die Sache sehr bedeutsam. Und diese Einsicht, die ergibt sich nun erst wiederum auf dem Boden der Geisteswissenschaft.
Cite:
GA 176/1917-07-03/p030 · edition original