Fünfter Vortrag
So könnte es ja vorkommen, daß eine soziale Gemeinschaft sagen würde: Das Gute, das beruht doch nur auf Instinkten! — Nun schön, das kann man sogar beweisen. Aber wer dieses sagt und deshalb alles begriffliche Erkennen des Ethischen abschaffen wollte, der gliche einem Menschen, der sagt: Ja, es interessiert mich, dieses Jahr meinen Acker zu bestellen, aber warum soll ich mir erst Samen für das nächste Jahr aufbewahren! — Er wird alles verzehren lassen, was dieses Jahr gewachsen ist. Beim Acker tun es die Menschen nicht, weil sie da durchschauen, wie das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen zusammenhängt. Im geistigen Leben, in der Entwickelung der Menschheit selber, tun es die Menschen leider. Und sehen Sie, hier liegen solche Dinge, welche immer wieder und wiederum zu den herbsten Mißverständnissen führen werden, indem die Menschen nie die verschiedenen Gesichtspunkte auffassen wollen, sondern, wenn sie etwas einseitig eingesehen haben, bleiben sie bei dieser Einseitigkeit. Man kann natürlich beweisen: In den Instinkten muß der Impuls des Guten liegen. — Gewiß, aber diese Instinkte wirken nur, wenn sie Impulse des Guten sein sollen, im Ich und Astralleibe. Wenn sie aber da als Instinkte wirken sollen, müssen sie herüberwirken aus dem vorhergehenden Leben. Daher kann man, ohne die Geisteswissenschaft zugrunde zu legen, auch keine Begriffe bekommen über das menschliche Zusammenleben, nicht in der Gegenwart und nicht in der geschichtlichen Entwickelung.
Cite:
GA 176/1917-07-03/p031 · edition original