{"corpus":"steiner","locus":"GA 176/1917-07-03/p033","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Denn, nicht wahr, vieles, vieles was die Menschen in Jahrhunderten erlebt und durchlebt haben, hat in den letzten drei Jahren Schiffbruch gelitten. Und wir leiden alle schwer, gerade wenn wir recht dabei sind bei dem, was in den letzten drei Jahren durchlebt werden mußte. Aber was hat denn eigentlich am meisten Schiffbruch gelitten? Was am meisten Schiffbruch gelitten hat: die Frage darf man doch auch aufwerfen. Das Christentum hat am meisten Schiffbruch gelitten! So sonderbar wie es vielleicht manchem klingt: das Christentum hat am meisten Sciffbruch gelitten. Wo Sie hinsehen, sehen Sie, wie das Christentum im Grunde genommen heute, man darf sagen, verleugnet wird. Manches ist direkt eine Verspottung des Christentums, wenn man auch nicht mutig genug ist, sich das zu gestehen. Ist es denn eine christliche Idee, von der sich heute zahlreiche Menschen, die weitaus größte Majorität der Erdenmenschheit, das Wertvollste verspricht, wenn man sagt: Jedes Volk soll sich selbst verwalten? Ich will gar nichts über die Berechtigung oder Unberechtigung sagen, sondern nur über die Christlichkeit oder Unchristlichkeit. Ist es denn eine christliche Idee? Nein, es ist ganz und gar keine christliche Idee. Denn eine christliche Idee ist es, daß sich die Völker verständigen durch die Menschen. Gerade was über die angebliche Freiheit der einzelnen Völker — die ohnedies nicht zu verwirklichen ist — gesagt wird, ist das Unchristlichste, was man sich heute vorstellen kann. Denn das Christentum bedeutet das Verständnis für alle Menschen über die ganze Erde hin. Es bedeutet sogar das Verständnis aller Menschen über die Gebiete, die nicht auf der Erde wären, wenn sie zu finden wären. Und nicht einmal dazu ist es seit dem Mysterium von Golgatha gekommen, daß nur im alleroberflächlichsten Sinne die Menschen, die sich Christen nennen, über die Erde hin sich verständigen! Das ist ein furchtbarer Schiffbruch, gerade mit Bezug auf christliches Fühlen und Empfinden, das dann zu so Groteskem führen kann, wie ich es vor kurzem erwähnt habe, wo jemand von deutscher Religion oder deutscher Frömmigkeit redet, was geradesoviel Sinn hat, als wenn einer von einer deutschen Sonne oder einem deutschen Mond redete. Aber sehen Sie, diese Dinge hängen zusammen mit weitgehenden sozialen Anschauungen oder Mißanschauungen. Ich habe Ihnen davon gesprochen, daß es eigentlich eine Staatsanschauung heute gar nicht gibt, daß die Besten, die von Staatsanschauung heute reden, so reden, als ob der Staat ein Organismus und die Menschen die Zellen wären. Derjenige, dem ein solcher Vergleich kommt, der zeigt schon, daß er ganz weit, weit weg ist von wirklichen Begriffen auf diesem Gebiet. Das ist es, was wir vor allen Dingen brauchen: wirklich in die Wirklichkeit eindringende Begriffe. Ich habe es oft gesagt, was uns fehlt, das ist dasjenige, was unser Chaos bewirkt hat, daß wir in Abstraktionen, in wirklichkeitsfremden Begriffen leben. Wie sollten wir nicht in wirklichkeitsfremden Begriffen leben, wenn wir dem einen Gliede der Wirklichkeit in der Gegenwart so fremd gegenüberstehen, daß wir es überhaupt nicht anerkennen, nämlich dem Geiste, dem geistigen Teil der Wirklichkeit. Von Wirklichkeit wird man erst dann einen Begriff haben können, wenn man den Geist in seinem Leben und Weben anerkennt. Es hat etwas Tragisches, solch ein Geist sein zu müssen, wie es Franz Brentano bis zu seinem Tode war, etwas Tragisches, weil sozusagen in Franz Brentanos Seele ein Gefühl vorhanden war nach den Richtungen, die die menschliche Seele der Gegenwart nehmen soll. Hätte man ihm Geisteswissenschaft gebracht, so würde er über sie ungefähr so gesprochen haben, wie er über Plotin gesprochen hat. Er würde so gesprochen haben, daß er die Geisteswissenschaft als eine Torheit angesehen hätte, als etwas ganz Unwissenschaftliches. So ist es natürlich bei vielen, deren Geistesflug gehemmt ist, dadurch, daß sie noch in den physischen Leibern des neunzehnten, anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts leben. Aber deshalb stehen wir eben in einer Zeitkrisis, die wir überwinden müssen. Es hat natürlich seinen guten Sinn, denn dadurch erstarken wir, daß wir etwas zu überwinden haben.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Fünfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1917-07-03","location":null,"word_count":640,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/176/1917-07-03/p033","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/176/1917-07-03/p033"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/176/1917-07-03/p033","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}