Fünfter Vortrag
Und namentlich wird dasjenige, was notwendig ist, ich möchte sagen, zu einer Revision all unserer Rechtsbegriffe, unserer Sittlichkeitsbegriffe, unserer Sozialbegriffe, unserer politischen Begriffe erst unter die Menschheit kommen können, wenn die wirklichkeitserfüllten Begriffe der Geisteswissenschaft verstanden werden. Denn gerade ein solcher Geist wie Franz Brentano zeigt uns: Jurisprudenz hängt in der Luft. Denn man kann die Frage nicht beantworten: Was ist das Recht, was ist das Sittliche? —, wenn man nicht auf dasjenige eingehen kann, was im menschlichen Astralleibe, das heißt, im übersinnlichen Teil des Menschen lebt. Ebenso ist es mit den religiösen, ebenso mit den politischen Begriffen. Ja, wenn man auf dem Gebiete der äußeren Natur, auf dem Gebiete der materiellen Wirklichkeit unwirkliche Begriffe hat, so zeigt sich das schnell. Denken Sie, wie eine Brücke sich ausnehmen würde, welche Ingenieure bauten, die unwirkliche Begriffe über Brückenbau haben: die Brücken würden eben einstürzen. Das würde man sich nicht lange gefallen lassen. Aber auf sittlichem, auf sozialem, auf politischem Gebiete, da kann man unwirkliche Begriffe haben, das zeigt sich nicht schnell. Denn wenn es sich zeigt, da kommen die Menschen nicht darauf, wo der Zusammenhang liegt. Wir leben jetzt hinter den Wirkungen der unwirklichen Begriffe; aber wie weit sind die Menschen im Durchschauen dieses Zusammenhanges? Wahrhaftig nicht weit! Das ist es, was dem Gemüte, das die gegenwärtige schwere Zeit miterlebt, so nahegehen muß! Man findet ja fast jeden Augenblick für verloren, den man heute nicht den schweren Zeitverhältnissen widmet. Aber je mehr man diesen Zeitverhältnissen an Kraft widmet, an Zeit selbst, desto mehr wird man finden, wie wenig eigentlich die Menschen der Gegenwart noch geneigt sind, auf dasjenige einzugehen, auf das es ankommt. Heilung aber wird es nur erst geben, wenn man auf das eingeht, auf das es ankommt: wenn man eingeht auf die Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen den wirklichkeitsfremden Vorstellungen, die die Menschheit so lange entwickelt hat, und den Ereignissen der Gegenwart. Weil die Begriffe des geistigen Lebens, das sich im Sozialen auslebt, so unwirklich gewesen sind durch Jahrhunderte, wie lauter Begriffe von Ingenieuren, die sich auf Brücken, die einstürzen mußten, beziehen, deshalb leben wir in der heutigen chaotischen Zeit. Möchte man doch fühlen, wie notwendig es ist, wirklichkeitsverwandte, wirklichkeitsdurchtränkte Begriffe auf allen Gebieten zu finden, welche irgend etwas zu tun haben mit dem sozialen, mit dem politischen, mit dem Leben in der Kultur überhaupt! Wird man mit der Jurisprudenz, mit der Sozialwiissenschaft, mit der Politik aufbauen wollen, wird man die Menschenseele durchtränken wollen mit den religiösen Vorstellungen, die gang und gäbe waren bis zum Jahre 1914, dann wird man nichts Besonderes aufbauen. Dann wird man sehr bald wiederum sehen, wie wenig man damit aufbauen kann. Umlernen, wahrhaftig umlernen, das ist dasjenige, was die Menschen müssen. Aber umlernen, das wollen die Menschen so wenig, darauf wollen sie sich so wenig einlassen.
Cite:
GA 176/1917-07-03/p034 · edition original