Fünfter Vortrag
Das ist es vor allen Dingen, was ich heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus vor Ihre Seelen hinstellen wollte. Ich habe Ihnen heute ausnahmsweise einen Aufbau gegeben, der sich auf mannigfaltige philosophische Begriffe gestützt hat. Aber ich glaube, daß Sie nicht gut tun werden, wenn Sie sich nur ungern auf solche Dinge einlassen. Denn dasjenige, was der gegenwärtigen Menschheit am allerdringendsten notwendig ist, ist das Sichbekennen zu scharfen Begriffen. Wollen Sie nur eine Geisteswissenschaft oder Anthroposophie oder Theosophie, wie Sie sie nennen wollen, nach dem Muster treiben, wie so viele sie gegenwärtig treiben, die da lebt in möglichst unklaren, verworrenen Begriffen, dann werden Sie ja egoistischen Bedürfnissen gut dienen können: Sie werden manchem Streben nach einer inneren Seelenwollust entgegenkommen. Allein das ist nicht dasjenige, wonach man in den heutigen schweren Zeiten streben soll. Dasjenige, wonach man in der heutigen Zeit streben soll, besonders wenn man Bekenner der Geisteswissenschaft ist, das ist: mitzuarbeiten, vor allen Dingen geistig mitzuarbeiten an demjenigen, was der Menschheit vor allen Dingen vonnöten ist. Wenden Sie womöglich Ihre Gedanken, soviel Sie können, gerade dem Kapitel zu: Was ist der Menschheit notwendig, welche Vorstellungen müssen in der Menschheit walten, damit wir weiterkommen, damit wir aus dem Chaos herauskommen? Sagen Sie sich nicht: Andere werden das schon tun, die mehr berufen sind dazu! Vor allen Dingen sind dazu diejenigen berufen, die auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen. Die Bedingungen des kulturellen menschlichen Zusammenlebens, das ist es, was uns vor allen Dingen beschäftigen muß.
Cite:
GA 176/1917-07-03/p036 · edition original