Sechster Vortrag
Sehen Sie, diejenigen Ideen und Erkenntnisse, welche scharf die Tatsachen des geistigen Lebens beleuchten, sind eigentlich nicht so leicht zu finden; aus dem ganz einfachen Grunde nicht leicht zu finden, weil wirklich uns unsere Sprache da große Schwierigkeiten macht. Man kann eigentlich immer die Erfahrung machen, daß man sich in das Gewebe der Sprachvorstellungen wie verfängt, wenn man an der Hand der Sprachvorstellungen über allerlei nachgrübelt und nachsinnt. Das ist das Fatale des bloßen gedanklichen Philosophierens, daß man so schwer von den Sprachvorstellungen loskommt. Aber eine hinter all diesem Spintisieren in den Sprachvorstellungen liegende Empfindung läßt einen doch unbefriedigt sein bei dem, was einem die Sprachvorstellungen geben. Namentlich bleibt man unbefriedigt, wenn man gerade das Ich im Vorstellungsleben sucht. Man kann schon diese Erfahrung machen. Versuchen Sie es nur einmal, sich so recht mit Philosophen, die viel über das Ich reden, zu befassen, so werden Sie verspüren, daß diese Gedanken recht dünn sind, und daß Sie die Empfindung immer im Hintergrund haben werden: Ja, kann man sich denn eigentlich doch darauf verlassen? Hat man ein sicheres Sein? — Es gibt Menschen, die glauben, so wie man das Ich denkt, so verbürgt dieser Gedanke auch, daß dieses Ich durch die Pforte des Todes geht und in die geistige Welt hineingeht. Aber die Empfindung sagt einem: Wenn das Ich jede Nacht eigentlich auslöscht, könnte es nicht auch so sein, daß es mit dem Tode auslöschte? Und diese Empfindung gibt dann erst recht eine gewisse Unsicherheit; sie ist eine Klippe. Woher rührt denn gerade diese Klippe’ Wenn man das Ich wirklich kennenlernt, durch Geistesforschung wirklich kennenlernt, jenes Ich, das nicht auslöscht mit dem Einschlafen, wenn auch das Bewußtsein davon auslöscht, dann lernt man es allmählich vergleichen mit dem Ich, das in den Vorstellungen erhascht werden kann, und dann lernt man die wirkliche Natur dieses Ich kennen. Da kann man dann für eine Weile -— wohlgemerkt: für eine Weile — solch einem Philosophen wie dem Ernst Mach nicht ganz unrecht geben, wenn er sagt: Das Ich ist unrettbar; es ist eigentlich ein Nichtwirkliches. Wir haben durch unser Leben hindurch Erlebnisse, die reihen sich an einem Faden auf wie Perlen. Und weil wir finden, daß sie zusarmmengehören, so abstrahieren wir von ihnen die Ich-Vorstellung, aber es ist nichts Wirkliches. — Das ist, wozu solche Philosophen kommen. Sie halten das Ich für einen bloßen Gedanken, und bei einem Gedanken kann sich der Mensch als einem Wirklichen, als einem wirklich Seienden nicht beruhigen. Nun haben wir aber im Vorstellen kein anderes Ich als das Ich, das jedesmal beim Einschlafen auslöscht. Wir haben im Vorstellen kein anderes; aber es ist wirklich so dünn, es ist eben bloß vorstellungsgemäß, so daß wir uns eben geisteswissenschaftlich fragen müssen: Wie ist es denn eigentlich mit dieser Ich-Vorstellung? Wie verhält es sich mit dieser Ich-Vorstellung?
Cite:
GA 176/1917-07-10/p008 · edition original