Sechster Vortrag

GA 176/1917-07-10/p011 ·1917-07-10 · original (original)
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Nun, sehen Sie, das kann man nicht, wenn man bloß in sich hineinbrütet. Denn wenn man immer so in sich hineinbrütet, dann findet man, was man jetzt in dieser Inkarnation ist. Aber dieser Ich-Punkt ist das einzige, was man als Keimanlage für die nächste Inkarnation hat, so daß man noch so stark, meinetwillen noch so tief mystisch in sich hineinbrüten, noch so schöne Lehren sich selbst geben mag, man kommt nie an sein Ich heran, denn dieses Ich, dieses vorgestellte Ich, das gehört im Grunde genommen gar nicht uns, insofern wir Wesen in dieser Inkarnation sind, sondern es gehört jetzt noch — innerhalb dieser jetzigen Inkarnation — der Welt an. Die Welt wird aus dem, was in uns als Bild-Ich, als Gedankenbild-Ich erscheint, für die nächste Inkarnation das machen, was dann in unserer Seele mehr wirksam sein wird. Daher kann dieses Ich auch nur an dem äußeren Leben bereichert werden. Ich habe manchem unserer Freunde, die mich gebeten haben, in irgendein Stammbuch das oder jenes zu schreiben, immer wieder versucht, wenn ich gerade das für das Geeignete fand, die Worte aufzuschreiben: «Suchst du dich selbst, so suche draußen in der Welt; suchst du die Welt, so suche in dir selbst.» Suchst du dich selbst, suchst du mehr in deinen Vorstellungen lebend Reicheres zu haben, als du haben kannst im gewöhnlichen Leben, so mußt du diesen Reichtum durch Erweiterung deiner Beobachtungen über die Welt machen. Aber das kann nicht die äußere Sinnesbeobachtung sein; denn die hängt ja auch nur mit unserer gegenwärtigen Inkarnation zusammen, weil sie eigentlich nur unserem Leibe anhängt, der mit dem Tode verloren geht. Wir müssen schon eine andere Betrachtung anstellen. Wir müssen gewissermaßen eingehen können auf den feineren Sinn des Lebens. Nur dadurch werden wir wirklich das Ich als Vorstellung bereichern, daß wir uns darauf einlassen, nicht bloß so, ich möchte sagen, abstrakt, so gradlinig zu denken, wie man gerade in der Gegenwart gerne denken möchte, sondern man muß sich bemühen, wenn man dieses Ich bereichern will, ich möchte sagen, geheimnisvollere Zusammenhänge des Lebens, als sie sich so ohne weiteres darbieten, aufzusuchen. Mißverstehen Sie nur ja diese Bemerkung nicht! Solche geheimnisvollen Zusammenhänge im Leben aufzusuchen, das betrachten die Menschen der Gegenwart womöglich als eine sehr unnütze Sache, weil sie gar nicht anstreben, das Ich zu bereichern. Die Menschen in der Gegenwart streben an, sich solche Vorstellungen zu bilden, durch die man entweder etwas Äußeres erkennt, oder die einem im Handeln nützen. Aber das ist alles für die gegenwärtige Inkarnation. Das Aufsuchen dieser geheimnisvollen Zusammenhänge, die das Ich bereichern sollen, das müssen wir schon eine Art Selbstzweck der Seele, müssen es eine intime Handlung der Seele sein lassen, eine solche intime Handlung, durch die wir auch auf, ich möchte sagen, nichts anderes Anspruch machen, als unsere Seele beziehungsweise das Gedanken-Ich zu bereichern. Es ist für das, was die Gegenwart von uns fordert, wichtig, daß wir geradezu unsere Zuflucht zu dem Weitauseinanderliegenden im Leben nehmen, das aber doch eigentlich zusammengehört, daß wir über Zusammenhänge sinnen, die nicht an der Oberfläche des Daseins liegen, die, ich möchte sagen, unter der Oberfläche des Daseins liegen, und die daher für den, der nur an der Oberfläche des Daseins sich betätigen will, denken will, im Grunde genommen auch frappierend sind. Nun, je weiter man es bringt im, ich möchte sagen, Sichenträtseln ferner liegender und doch zu unserer Seele mächtig sprechender Lebenszusammenhänge, die außer uns liegen, desto mehr wird man finden, daß dieses Vorstellungs-Ich reicher und reicher wird. Man kann nicht gleich abstrakt einen Zusammenhang angeben, so wie man einen Zusammenhang zwischen dem Stein, der warm wird, und dem Sonnenstrahl, der ihn erwärmt, angibt. Aber man erfährt das im Leben; man erfährt, daß, je mehr man verborgene Lebenszusammenhänge aufsucht, desto stärker fühlt man sich gerade im Vorstellungs-Ich, desto mehr wächst man im Vorstellungs-Ich mit dem inneren Leben, das dann dieses Vorstellungs-Ich hinüberträgt in die nächste Inkarnation, zusammen.

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Cite: GA 176/1917-07-10/p011 · edition original