Sechster Vortrag

GA 176/1917-07-10/p012 ·1917-07-10 · original (original)
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Was meine ich für Zusammenhänge? Ich meine ganz reale Zusammenhänge, nur solche Zusammenhänge, die man gewöhnlich nicht sucht. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Ein Geistlicher ging einmal des Weges und fand eine Zigeunerin mit einem recht schmutzigen Kinde. Zigeuner — der Weltkrieg hat sie ja auch hinweggefegt -, aber jeder, der sie kennt, der weiß: es waren Leute, welche auf Vieles wenig gaben, und unter diesem Vielen ist vor allen Dingen die Reinlichkeit. Die Kinder der Zigeuner waren mit ganzen Schichten von Schmutz bedeckt. Aber auch vieles andere wird diesen Kindern nicht zuteil außer der Reinlichkeit. Nun, dieser Geistliche war ein guter Mann und er dachte eine gute Tat zu tun, indem er ein so verlorenes Kind gewissermaßen rettete. Er sprach die Zigeunerin an und sagte ihr, er wolle eine kleinere Summe Geldes aussetzen, wenn dieses Zigeunerkind dafür ordentlich erzogen, zu einem ordentlichen Menschen gemacht würde. Es war ein recht guter Vorsatz dieses Geistlichen. Die Zigeunerin, die ja als ein gewöhnliches Almosen selbstverständlich die Gabe gerne hingenommen hätte, antwortete aber darauf etwas sehr Bedeutsames. Und ich möchte Ihnen diese Worte, die die Zigeunerin antwortete, wörtlich sagen. Sie sagte, nein, das wolle sie nicht tun, ihr Kind erziehen oder erziehen lassen, denn ihre Art zu leben mache die Menschen glücklicher als Wissenschaft, Ansehen, gegenseitige Hochschätzung und alle Genüsse, welche die sogenannte Kultur verschafft. So sagte die Zigeunerin. — Diese Sache hat ein Mann, der sie selbst erlebt hat, dem Fercher von Steinwand mitgeteilt. Und in dem schönen, bedeutungsvollen Aufsatz, den Fercher von Steinwand — Sie kennen ihn aus meinem Buche «Vom Menschenrätsel» — über die Zigeuner geschrieben hat, da finden Sie diese Bemerkung darin. Die Bemerkung glaubt jeder, der das Zigeunerleben genau kennt. Ich selber habe die Zigeuner genügend kennengelernt und weiß, daß solches unter den Zigeunern durchaus nicht nur möglich, sondern auch in zahllosen Fällen wirklich ist; sie sind der Ansicht, die diese Zigeunerin ausgesprochen hat, daß alle Kultur, alle Erziehung, alle unter den anderen Menschen vorhandene gegenseitige Hochschätzung der Menschen, und alles, was man überhaupt lernen kann, weniger glücklich mache als das ursprüngliche, elementare Leben, das der Zigeuner eben in seinem Zigeunerdasein führt, wo er ein Naturkind ist. Diese Antwort der Zigeunerin spricht ungeheuer viel aus. Man kann sie zunächst schon als Tatsache hinnehmen; das werden die meisten Menschen tun. Aber man kann nun auch gerade in diesem Ausspruch der Zigeunerin einen solchen Lebenszusammenhang herausfinden, wie die sind, auf welche ich eben hingedeutet habe. Es kann einem nämlich etwas einfallen —- und dem Fercher von Steinwand ist es eben eingefallen —, das in sehr merkwürdigem Verhältnis zu diesem Ausspruch der Zigeunerin steht. Denken Sie sich einmal, es wäre ein anderer Mensch, der bekommt von einer gelehrten Körperschaft die Frage vorgelegt, ob die menschliche Kultur die Menschen glücklicher oder unglücklicher mache in ihrer Entwickelung, und dieser Mann hat, wenn auch in einer langen Abhandlung, eine Antwort gegeben, die aber genau dasselbe ist wie die Antwort dieser Zigeunerin an den Geistlichen. Und dieser Mann ist Rousseau, und die Abhandlung, in der Rousseau diese Zigeunerantwort gegeben hat, die ist ja von der Pariser Akademie der Wissenschaften preisgekrönt worden. Denken Sie, welch merkwürdiger Lebenszusammenhang: dasjenige, was seelisch ganz gleich vorhanden ist in dieser Zigeunerin, das führt Rousseau aus in einer Abhandlung, und er ist gerade durch diese Ansicht, der ungeheuer wirkungsvolle Rousseau geworden. Da haben Sie einen merkwürdigen Lebenszusammenhang. Sie finden bei Rousseau eine Gesinnung, eine Anschauung, die ganz gleich ist mit der Anschauung der Zigeunerin; nur just, daß diese Anschauung der Zigeunerin nicht von der Pariser Akademie der Wissenschaften preisgekrönt werden würde. Aber in beiden Fällen haben Sie genau dieselbe Anschauung. Die Zigeunerin hätte auch nicht gerade eine wissenschaftliche Abhandlung geschrieben; aber es ist genau dasselbe.

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Cite: GA 176/1917-07-10/p012 · edition original